Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, vierter Jahrgang 5618 (1857-1858) (1857-1858)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 215 (sequence 256)
- Language
- German
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215 zur Richtschnur genommen zu haben. Jede falsche Lehre oder Meinung, die offenbar zur Unsittlichkeit fuhrt, und also der Glückseligkeit des menschlichen Geschlechts entgegen ist, wurde von ihm auf keinerlei Weise verschont, sondern bei jeder Gelegenheit bestritten, lächerlich gemacht, und in ihren ungereimten und verderblichenFolgen gezngt. Eine Lehre aber, die blos theoretisch falsch, und den Sitten so großen Schaden nicht bringen konnte, als von einer Neuerung zu befürchten war, ließ er unangefochten, bekannte sich vielmehr öffentlich zu der herrschenden Meinung, beobachtete die darauf gegründeten Cmmonien undReligionsgebräuche, vermied bingegen alle Gelegenheit zu einer entscheidenden Erklärung. So wird der griechische Weltweise geschildert, *) und diese Maxime scheint auch Rapoport stets vor Augen gehabt zu haben. Im Denken frei und ungebunden, beobachtete er die rabbinischeu Lebenslehren und Ceremonialgesetze mit ängstlicher Genauigkeit, nicht erst zur Zeit als er um das Tarnopoler Kreisrabbinat concurrirte (1836), sondern seit seiner frühesten Jugend. Den ungehemmt verfolgten Fortschritt in seiner wissenschaftlichen Untersuchung, selbst auf theologischem Gebiete, **) ließ er nie zu einer Uebertretung der von den alten Weisen gezogenen Gränzen (Gedarim) und Schutzmauern der mosaischen Lehre ausschreiten. Wir müssen diese Thatsache um so nachdrücklicher hervorheben, als in neuester Zeit mehrere Wortführer Hrn. Rapoport den Vorwurf machten, daß er mit seinem Amtsantritt als Rabbiner seine frühere freisinnige Gesinnung und Handlungsweise gewechselt, und seiner neuen Stellung geopfert habe, um dadurch die Mehrzahl seiner Eultusgemeinde, die orthodoxe Partei, für sich zu gewinnen, und so mit seinem frühern Lebenslaufe auszusöhnen. S. Leben des Sokrates im »Phadon." Dergl. Kerem Chemed I. S. 83, II, 135. III. 38