Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, vierter Jahrgang 5618 (1857-1858) (1857-1858)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 212 (sequence 253)
- Language
- German
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212 seine dialectischen Sprünge. Mephistos Worte fanden da ihre volle Anwendung: »Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, Es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.« Nun sollte der Rabbi auf einmal einen hochdeutschen Vortrag halten, und noch dazu in Gegenwart eines dazu beorderten k.k.Krciscommissärs. Das war ein kühnes Wagestück! Der Translator der Stadt wußte Hilfe zu schaffen. Dieser nahm zur Seite des Rabbiners vor der Bundeslade seinen Platz ein. Und jeden Satz, den der Rabbi stotternd hervorbrachte, commentirte jener pathetisch mit der oft wiederholten Phrase: »Der hochwürdige Herr Rabbiner meint nämlich aus deutsch —.« Die Wirkung einer solchenRede auf die Versammlung, besonders auf das nichtisraelitische Publicum, welches zahlreich herbeiströmte, kann man sich leicht denken. Seit jener Zeit wurde der Haß derObscuranten gegen die immer mehr und in weitere Kreise sich verbreitenden humanistischen Bestrebungen und weltlichen Studien zurückgedrängt, wenn auch nicht völlig unterdrückt. Die Bildung und Gesittung erhielt erst durch den Schutz der Regierung eine Glorie. Die Bahn war gebrochen. Der wißbegierige Züngling rechtgläubiger Eltern durfte nunmehr auf seiner Stube ungehindert aus einem fremdsprachlichen Buche sich Belehrung holen, anstatt daß er früher nur verstohlen, in einem Versteck, wie ein Verbrecher, dieFrüchte der Erkenntniß zu pflücken vermochte. Dieser Umschwung der Verhältnisse in der Hauptstadt hatte jedoch keinen Einfluß auf die israelitische Bevölkerung aus dem Lande, wo nach wie vor der Obskurantismus seine Geißel schwang. Es ist nicht Uebertreibung, lieber Leser. Schreiber dieses mußte in seinen Jünglingsjahrcn einst im strengsten Winter die hohen Schneegebirge seiner Vaterstadt erklimmen, um dort die Lectüre eines Buches, das man ihm nur auf wenige Tage geliehen, unan-