Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, vierter Jahrgang 5618 (1857-1858) (1857-1858)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 70 (sequence 111)
- Language
- German
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70 Lehrbrief keinen Poeten mache, und man zu diesem schon geboren sein muß. Nun läßt sich freilich dasselbe vom Lehrer behaupten; auch er bedarf einer schöpferischen Kraft, und auch zu einer solchen muß man geboren sein, und keine Präparandie kann Lehrer präpariren, wie der Apotheker seinen Weinstein. Za, der alte Talmud hat Recht, wenn er sagt: Ein guter Zugendlehrer ist unscresHerrn Gottes Altgeselle beim Schöpfungswerke. Indessen ist derVerbrauch an Lehrern zu groß, und das Erträgniß an tüchtigen Individuen zu gering, als daß man des Surrogates entbehren könnte. Zu bedauern ist es aber, daß diese Präparirten für die Bedürfnisse jüdischer Schulen und Kreise nicht ausreichen. Denn da man keine gar zu höhen Forderungen zum Eintritte in die Präparandien stellt, so sind die Vorkenntnisse der Candidaten oft so dürftig, daß man nicht weiß, ob man die liebeNaivität belächeln oder bedauern soll. Welt- und Menschenkenntniß, allgemeine Bildung sind oft nicht einmal den rohesten Umrissen nach vorhanden. Eine so liebe Unschuld hat zwar dieselbe gute Seite, wie der Zustand Adams vor dem Sündensalle, und wahrt in dem künftigen Lehrer die unentbehrliche Genügsamkeit, schützt ihn vor Bedürfnissen, die zu befriedigen ihm in der Folge unmöglich würde. Aber mit dieser paradiesischen Lage ist zuweilen eine Beschränktheit verbunden, die zu der nationalen Eigenthümlichkeit unseres rührigen Stammes in gar zu schroffem Gegensätze steht. Sagt doch eine geistreiche Schriftstellerin: Es gibt kein witzloseres Wesen unter derSonnc, als ein gebildeter Mensch. Zst die Behauptung richtig, so gilt sie doppelt von abgerichteten und zu einem Geschäfte gebildeten und eigens präparirten Menschen. Durch solche Vertreter geräth aber nicht nur die Pädagogik selbst in Mißachtung bei einem Publicum wie das jüdische, das dann Schulmeisterei schlechterdings mitGeistesarmuth gleichachtet; sondern der eigentlich jüdische Umerricht, an den weder die dickleibigen pädagogischen Lehrbücher, noch die vornehmen Präparandien denken