Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, vierter Jahrgang 5618 (1857-1858) (1857-1858)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 45)
- Language
- German
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4 zu überwinden, und mit eiserner Standhaftigkeit aufzutreten. An ihn, den Gemüthsweichen, Gefühlvollen, der beim Unglück seiner Feinde sich der Thränen nicht enthalten konnte, und für diejenigen betete, die ihm nach dem Leben trachteten, erging der Prophetische Ruf, schonungslos das drohende finstere Verhängniß seiner Nation zu verkünden. Seine Natur sträubte sich manchmal gegen denDrang, er strengte sich an, nichts zu sehen und nichts zu sprechen. Er vermochte es nicht; es war stärker als sein Wille. »Dachte ich,« so schilderte er seine innere Erfahrung, »nicht im Namen Gottes zu sprechen, so brannte es in meinem Herzen wie loderndes Feuer, eingeschlossen in meinem Innern, ich konnte es nicht ertragen, konnte nicht schweigen.« Kein äußeres Motiv, nicht das Streben nachVortheilen, nicht Ehrgeiz, nicht Widerspruchsgeist, bestimmte ihn, den Prophetenmantel anzulegen, einzig und allein innerer Drang, die Gottesstimme, die »Hand Gottes,« die ihn trieb, widerseinen Willen,, unbekümmert um die Folgen, die es für ihn herbeiführen könnte. Jeremia war von Hause aus wohlhabend, besaß Aecker und Vermögen neue anzuwerben. Seiner äußern Lage nach hätte er die Entartung ruhig und gleichgiltig mitansehen können, und war nicht genöthigt, die gefährlichen Mächte des Staates und der Religion gegen sich herauszubeschwören. Als Priesterhätte er sogar einJnteresse gehabt, wie die meisten Priester seiner Zeit, den Fortbestand desTempelcultus in seiner, wenn auch unwürdigen Weise, zu wünschen und die Standesprärogative zu fördern, oder mindestens uneigennützig die Borurtheile seiner Kaste zu theilen und fortbestehen zu lassen. Aber gerade das Gegentheil that er. Keinen Stand züchtigte er schärfer als den priesterlichen; die hergebrachte religiöse Praxis geißelte er, ungeachtet ihres Alterthums, schonungslos mit Worten und Wendungen, die für alle Zeiten anwendbar sind. Nicht blos auf Vortheile, Prärogative, Ehren verzichtete Jeremia, sondern auch auf die Freuden der Ehe, auf die sanften Gefühle des Fami-