Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, dritter Jahrgang 5617 (1856-1857)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 305 (sequence 349)
- Language
- German
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305 ließen. Denn wer es in der Welt am längsten aushält, der bat's ja gewonnen. , Das Schönste an der Sache war, daß bei dieser Narrethel mit der Brille mein Kopf für das Geschäft ganz unbrauchbar geworden war. Ich zeigte kein rechtes Geschick dafür und erst später habe ich eingesehen, daß eigentlich die Brille daran schuld war. Mein Vater klagte oft: »Ich weiß gar nicht, was denn eigentlich das Jüugel in Prag gelernt hat. Was Hab' ich davon, daß er eine Brille auf der Nase trägt? Wo er etwas sehen soll, sieht er doch nichts!« »Die gute Mutter entschuldigte mich, wie sie konnte; oft habe ich aber den Vater sehr verdrießlich gesehen. Trotzdem bekam ich meine Brille immer lieber; denn man kann sich in ein Ding, das kein Leben hat, ebenso gut verlieben, als in eines mit Fleisch und Beirr, und ich kann sagen: ich war verliebt. »Da kam mein Vater einmal von einer Geschäftsreise mitten in der Woche zurück; denn gewöhnlich geschah dies am Freitag. Sein Gesicht war blaß uub die Augen tief eingesunken. Die Mutter schrie laut auf, als sie seiner ansichtig wurde; es hat ihr gleich nichts Gutes geahnt. Doch auf alle Fragen, die sie an ihn richtete, antwortete der Vater nicht; er sperrte sich in seine Schreibstube ein und durch das Schlüsselloch konnten wir bemerken, daß er schreibe. Gegen Abend rief er die Mutter zu sich; nach einer schrecklich langen Stunde kam sie heraus, mit verweinten Augen, todtblaß im Gesicht. Auch sie wollte mir nicht sagen, was vorgehe, und nach Allem zu schließen, mußte etwas Schreckliches vorgegangen sein. In derselben Nacht fuhr der Vater wieder fort, er sagte nickt wohin. Volle zehn Tage blieb er aus; am Freitag fam er wieder. Aber sein Aussehen war dasselbe traurige wie das erste Mal, und wie ihn die Mutter fragte, was er ausgerichtet, schüttelte er mit dem Kopfe. Wir verlebten einen S.abbath, wie ihn mein größter Feind nicht erleben Iahrb. f. Isr. 1857. 20 '