Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, dritter Jahrgang 5617 (1856-1857)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 304 (sequence 348)
- Language
- German
- Belongs to
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304 endlich vor lauter Zureden und Beschämung die schändliche Lüge: der berühmte Doctor Jonas Jeitteles in Prag hätte mir einmal in die Augen gesehen und gesagt: ich müßt' eine Brille tragen! »So bin ich nach vier Jahren in derFremde mit einer Lüge vor die guten Eltern getreten! Von diesem Augenblicke an hat freilich der Vater mit seinem Gelächter, was mir am meisten weh gethan, eingehalten, die Mutter aber, merkwürdig fein, wie die Weiber sind, hat mir nicht geglaubt. Sie hat es aber nicht merken lassen, und erst wie wir allein waren, hat sie mir es gesagt, und durch vieles Zureden und Schmeicheln die ganze Wahrheit aus mir herausgebracht. Es hat mich aber einen Kampf gekostet. Die gute Mutter! Statt nun darauf zu dringen, daß ich die Brille ablege, schon deshalb, weil ich gelogen hatte, Hut sie zugegeben, daß ich sie behalte. Sie hat mir die Beschämung und das Gelächter meines Vaters ersparen wollen! »Ich Hab' die Brille auch behalten; ich habe geglaubt, ich hätte erst jetzt ein Recht darauf. Und wie ich am andern Tag durch die »Gasse« gegangen bin, und manche Leute haben mich wirklich nicht sogleich erkannt, und haben mir verwundert nachgesehen, da habe ich in memer Seele eine Freude empfunden, nicht anders als ob mich der Kaiser von Wien zum Oberstburggrafen gemacht hätte. Viele Leute haben mich auch ausgelacht, denn in der damaligen Zeit war es nichts Gewöhnliches, daß ein achtzehnjähriges Jüngel mit einer Brille ans der Nase herumging. Manch Spottwort habe ich hinter mir gehört; aber je mehr sie mich ausgelacht und verspottet haben, desto mehr habe ich mich an meine Brille gehalten, und was gar nicht in meiner Natur gelegen ist: ich bin dadurch keck und übermüthig geworden. Und gerade unter die Leute, von denen ich gewußt habe, sie können meine Brille nicht ausstehen (leiden), gerade unter die bin ich am liebsten gegangen. Zuletzt Hab' ich's dazu gebracht, daß sich die Leute meine Brille gefallen