Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, dritter Jahrgang 5617 (1856-1857)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 302 (sequence 346)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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302 »So lange als ich noch in Prag mich befand, habe ich sie nicht aufzusetzen gewagt, da haben mich die Leute ja gekannt. Aber kaum bin ich im Wagen, habe ich sie in Einem fort probirt. Die Ungewohnheit so etwas auf meiner Nase und vor meinen Augen zu tragen, hat gemacht, daß ich die Brille in den ersten Stunden gern Hundertmale auf die Straße hinausgeworfen hätte. Immer hat mich aber der Gedanke zurückgehalten: die Leute werden Dich nicht erkennen und Du siehst damit viel älter ans! Und immer Hab' ich auf's Neue die Brille aus dem Futterale herausgenommen und aufgesetzt. Merkwürdig, was der Mensch vermag, wenn er nur will! Wie ich noch zwei Stunden von meiner Heimat war, da habe ich die Brille gar nicht mehr gespürt, sie war mir auf der Nase wie angewachsen. Das hat mich mehr gefreut, als wenn ich eine Million mit nach Hause gebracht hätte. Wie ich an dem »guten Ort« vorüberfahre, der, wie Sie wissen, an der Prager Straße liegt, wer kommt mir da entgegen? Naphtali Kremsier, der Vater unseres früheren Gemeindesängers Daniel, der mit Hasenhäutchen ist hausiren gegangen. Der sieht in den Wagen hinein, indem ich langsam an ihm vorüberfahre und ruft gleich: »S'Gotts willkumw, Eisik, bistDu auch schonzurück?« »Ich glaub', im ersten Augenblick trifft mich schon vor Schrecken der blasse Tod! Gleich der erste Mensch, der mir begegnet, erkennt mich! Ein Anderer hätte nun die Brille von der Nase gerissen, und sie in tausend Stücke zerbrochen. Ich aber — ich habe sie behalten! »Sie sollen mich doch nicht erkennen,« Hab' ich in meinem Ingrimm gerufen. * »Niemals werde ich nun vergessen, wie ich von meiner guten Mutter bin ausgenommen worden. Noch jetzt fühle ich die heißen Thränen, wie sie über meine Wangen heruntertröpfelten, indem sie mich minutenlang gar nicht aus den Armen lassen wollte! Ich alter Junge spür' noch, wie es mir wie ein Messerstich durch das Herz geht, wenn