Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, dritter Jahrgang 5617 (1856-1857)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 297 (sequence 341)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 100% known words query
- IRI
…/2609281-2609286--3200-2610544- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
297 goldenen Kalbes?« rief der junge Prediger in hoher Aufregung. »Nein, Herr Prediger,« meinte der Alte milde, »ich meine den leuchtenden Schein um seinen Kopf, den ihm Gott geliehen hat, wie er die steinernen Tafeln brachte.« »Rebb Eisik, was sind Sie für ein Mann!« rief der Prediger entzückt aus, und ergriff aufs neue seine Hand,, und schaute ihm mit leuchtenden Blicken in das feine Antlitz. »Loben Sie mich nicht zu sehr,« bar Rebb Eisik mit liebenswürdiger Bescheidenheit, »ich verdien's gar nicht.« »Sagen Sie mir nur, Rebb Eisik,« rief der Prediger noch immer ergriffen, »sagen Sie mir nur, woher hat sich dieser Schatz echter Lebensweisheit bei Ihnen gesammelt? Sie sind nicht nur klug, Sie sind auch ein großer Menschenkenner und prüfen Herz und Nieren. Sie haben in meine Seele einen tiefen Blick gethan. Wer hat Sie den gelehrt? Denn aus Büchern werden Sie doch nicht viel gelernt haben!« Rebb Eisik schwieg eine geraume Weile; aber auf seinem Antlitz malte sich deutlich die Freude, sein Lob aus dem Munde des jungen Mannes zu vernehmen. »Nein, gelernt Hab' ich nicht viel, mein Herr Prediger,« meinte Rebb Eisik lächelnd, »nicht einmal so viel, was Sie nicht schon vor zwanzig Jahren vergessen hätten. Aber ich Hab' meine Brille bald abgelegt.« »Ich glaube Sie zu verstehen, Rebb Eisik,« rief der Prediger lebhaft. »Sie sind wahrscheinlich frühzeitig durch eine harte Schule des Lebens gegangen, und aus den derben Stößen und Püffen, die Sie da erhalten haben, lernten Sie das Leben selbst beurtheilen und aus sein wahres Maß herabsetzen. In dieser strengen Schule sind Ihre Augen geschärft worden, und das nennen Sie, Rebb Eisik: die Brille ablegen.« »Man sieht und hört es Ihnen an,« sagte Rebb Eisik schmunzelnd, »daß Sie ein Prediger sind. Sie kön-