Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, dritter Jahrgang 5617 (1856-1857)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 295 (sequence 339)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2609281-2609286--3198-2610542- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
295 chende Stimme in seinem Innern hielt ihn zum Glücke von diesem unüberlegten Schritte ab. Die Beschämung behielt die Oberhand. Er beschloß den alten Mann, den er nur oberflächlich hatte kennen gelernt, aufzusuchen; es zog ihn wehr als gewöhnliche Neugierde zu ihm. An einem Sabbath, an welchem er gepredigt, stellte sich der junge Prediger unerwartet bei Rebb Eisik ein. Der alte Mann war von der Ehre dieses Besuches lebhaft gerührt; über sein Antlitz flog es wie freundlicher Sonnenschein. Man sah es ihm an, er fühlte sich von der Auszeichnung geschmeichelt. Es ist dies ein Zug, den wir namentlich an alten Leuten bemerkten, wenn sie von jungen Leuten aufgesucht werden. »Wissen Sie, Rebb Eisik,« begann der Prediger nach den ersten einleitenden Worten, nachdem ihm der Alte selbst einen Stuhl zugeschoben hatte, »warum ich zu Ihnen gekommen bin?« »Wie soll ich das errathen?« meinte Rebb Eisik lächelnd. »Bin ich doch kein Prophet!« »Und doch, Rebb Eisik,« rief der Prediger mit leichtem Hohne, »haben Sie vorausprophezeit, daß ich mich in kurzer Zeit ändern werde.« »Wissen Sie also auch schon von meiner Brille, Herr Prediger?« meinte Rebb Eisik ganz unbefangen, ohne im mindesten erschrocken auszusehen. »Sie halten mich also für einen Heuchler,« rief der junge Mann etwas lebhaft, »für Einen, der anders denkt und anders handelt?« Rebb Eisik legte wie beschwichtigend seine Hand auf den Arm des Predigers. »Sie haben noch nicht die Brille abgelegt, Herr Prediger,« meinte er mit seinem vertraulich milden Lächeln. »Wie verstehen Sie das, Rebb Eisik?« »Sehen Sie, Herr Prediger,« sagte der alte Mann mit seinem unerschütterlichen Lächeln, »wären Sie der Heuchler und Min, den Sie mir in den Mund legen, so