Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, dritter Jahrgang 5617 (1856-1857)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 294 (sequence 338)
- Language
- German
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294 selbst emstellt. Ich möchte mit Euch eine Million wetten, Daniel, daß wir Beide es noch erleben, wie der Prediger seine Brille herunternimmt.« Offenherzig gestanden, so gut sonst Daniel Kremsier die Brillensprache seines Freundes verstand, diesmal war sie ihm zu »hoch«. Noch fühlte er sich zu tief in seiner Ehre gekränkt, an die ihm jener »Hergelaufene« mit seinem Chore so freventlich griff, als daß er sich so leicht zur Weltanschauung Rebb Eisik's hätte erheben können. Dennoch war er zu gescheidt, um gegen ihn Einspruch zu erheben; Rebb Eisik hatte etwas von der Halsstarrigkeit kluger Leute, die auf einen einmal erprobten Lebenssatz kein Stäubchen der Widerrede wehen lassen. Vielleicht war dies mit der Grund, daß Daniel Kremsier der Aeußerung seines Freundes über den neuen Prediger eine größere Verbreitung verschaffte, als Rebb Eisik selbst wünschte. So gelangte sie auch ans Ohr des neuen Predigers; er ward davon lebhaft getroffen. Der junge Mann mußte sich gestehen, daß sie zwar nicht neu war, aber eine Art Wahrheit enthielt, die er am wenigsten aus dem Munde eines alten Mannes erwartet hatte. Glühend von Eifer für dasjenige, was er für das Bessere hielt, war er der Meinung, in jedem alten Manne der Gemeinde lauere ein Feind, der die frischausgestreute Saat zu vernichten strebe. Wie jedes eifrige und entbrannte Gemüth im Grunde von Nichtduldung des ihm entgegengesetzten Stoffes ausgeht, und es niederzubringen sucht, so hatte auch der junge Prediger vergessen, duldsam zu sein. Zetzt hörte er aus dem Munde eines der ältesten Männer in der Gemeinde die Mahnung, mit ihm selbst, dem Prediger, Geduld und Nachsicht zu brauchen. Er fühlte sich davon einigermaßen beschämt; zugleich aber entbrannte seine Seele in Zorn, daß man es wagen könne, seine Anstcbten zu verdächtigen und ihnen nur eine zeitliche Beschränkung einzuräumen. In der ersten Aufwallung wollte er sich darüber aus der Kanzel auslassen und hatte bereits einen Tert dazu gefunden. Aber eine unerklärlich lautspre-