Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, dritter Jahrgang 5617 (1856-1857)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 288 (sequence 332)
- Language
- German
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288 ' der Gemeinde, noch Lm geselligen Verkehre. Mit der Stille eines gefaßten Gemüthes ging er seinen Weg; nur selten, daß er davon abwich. Das geschah nur, wenn ex Streitigkeiten in der Gemeinde zu schlichten hatte, wie sie selten lange ausblieben. Dann konnte er wohl, wenn er auf Widerstand und Widerspruchsgeist stieß, in einige Heftigkeit gerathen; seine Stimme begann dann unsicher zu werden und seine Wangen sich höher zu färben. »Will denn keiner bei Zeit die Brill' herunternehmen?« rief er dann gewöhnlich mit überlauter Stimme. Es war merkwürdig, welche Kraft diesen wenigen Worten innewohnte; es war als hätte ein Zauberer seine Formel über eine sturmbewegte Flut ausgesprochen. Sobald die Leute bas von der Brille hörten, lächelten sie still vor sich hin, und die Streitigkeit nahm dann gewöhnlich ein gutes Ende. Es hat gar Mancher gelächelt, wenn Rebb Eisik das Wort »von der Brille« sprach, und es lächelt noch jetzt Mancher, wenn es sich ihm unwillkürlich auf die Lippen drängt. Denn Rebb Eisik ging damit nicht haushälterisch um und brauchte es bei jeder Gelegenheit, wo er es schicklich anbringen konnte; jedesmal traf es aber, wie ein Nagel in die Holzwand fährt. Nie ging die volle Wirkung um eines Härchens Breite verloren. Rebb Eisik hatte einen guten Freund, den Gemeindesänger Daniel Kremsier, der zu ihm in dem Verhältnisse eines Haus- und Hofministers zu seinem Potentaten stand. Daniel Kremsier hatte die bei Sängern und Musikantenvolk nicht selten anzutreffende Schwachheit, eine nicht geringe Leidenschaft st'ir ein gutes Glas Wein zu besitzen. Den fand er nun jedesmal bei Rebb Eisik, so gut und so schlecht er ihn selber trank, und es war daher wahrhaftig kem Wunder, wenn sich die durstige Kehle des Gemeindesängers als täglicher^Gast bei dem reichen Maune einstellte. Dafür zeigte' er sich aber auch in feiner Art dankbar, wie weit dies ein so durstiges Gemüth zugibt. Daniel Kremsier kam regelmäßig, sobald das Abendgebet vorüber war, und berichtete Rebb