Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, dritter Jahrgang 5617 (1856-1857)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 186 (sequence 230)
- Language
- German
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186 er seiner unfreiwilligen S^cit und wünschte sich in die alten harmlosen Knabenjahre zurück, aber nach und nach zog die heilende Zeit ihre Kruste über die offene Wunde. Seinen Eltern schrieb er nicht. Wozu ihnen einen tödlichen Schlag geben, da sie ihn schmerzlicher beweint hätten, als wenn er gestorben wäre? Wir sind in der Hauptstadt einer an Oesterreich grenzenden Provinz. In einem großen Zimmer sitzen, den Rücken zur Thüre, zwei Männer in reicher Uniform und amusiren sich an den Holzschnitten eines französischen Witzblattes. Der Eine ist der Gouverneur, ein stattlicher Mann von geistvollem und energischem Aussehen. Der Zweite ist viel jünger, er trägt einen schönen Kopf, goldene Brillen und Epanletten, an der Brust mehre Orden uttb ein blaues Band am Halse. Es ist der Letztere Chef einer Sanitätscommission, die aus Petersburg zur Erforschung der bösartigen pestilenzialischen Krankheit in dies Gouvernement delegirt wurde. In das heitere Lachen beider Männer mischt sich bald das Klirren schwerer Ketten, deren unglückliche Träger sich der Thüre zuschleppten. »Ich will Ihnen, lieber Doctor,« sagte der Gouverneur aufstehend, »eine langweilige halbe Stunde ersparen, während welcher ich ein Verhör mit zwei aufgefangenen Juden halten muß. Nehmen Sie diese Blätter und vertreiben Sie sich damit die Zeit in meinem Cabinete, bis ich nnch Ihnen wieder widmen kann.« Der Arzt trat ab und von einer an der Thür gebliebenen Wache escortirt traten zwei Individuen ein, deren Anblick mitleiderregend war. Beide waren blaß, abgemagert, zerfetzt und sehr verkümmert. Beide trugen polnische Kleidung, Ketten an Armen und Beinen und den Ausdruck schrecklicher Angst im Gesichte. Sich an einander furchtsam drückend blieben sie erschrocken an der Schwelle. Der Eine war ein Greis, der Andere ein Knabe.