Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, dritter Jahrgang 5617 (1856-1857)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 185 (sequence 229)
- Language
- German
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185 Militärpflicht nicht genügten, werden in Rußland gewöhnlich fürLebensdauer assentirt und in den Kaukasus geschickt, bis sie bei Gelegenheit die kaiserliche Gnade befreit. Diesem traurigen Schicksal zu entgehen gibts gemeiniglich nur Ein Mittel, die Taufe. Der Doctor, an der russischen Barriere angelangt, hatte bereits den Kampf mit sich selbst ausgekämpft, verlangte sofort einen Geistlichen höheren Ranges, erklärte ihm seine Bereitwilligkeit zur griechischen Kirche überzutreten und erbat sich seinen Schutz. Nun wieder frei geworden, sah er vor sich die Schranke gefallen, die in Rußland namentlich den Juden vom großem Theil des großen Kampfplatzes im Leben ferne hält, ein unendliches Gebiet für Thatkraft und Thätigkeit, für Streben und Erreichen, für Arbeit und Lohn sich vor ihm öffnen. Nirgend so sehr als in Rußland wird das Talent und das Wissen so hoch gehalten, nirgend so sehr als dort steigt das Genie rasch die Stufenleiter hinan, die zu den höchsten Stufen führt. Eine eiserne Nothwendigkeit hatte ihn seiner Religion entfremdet und der herrschenden Kirche zugeführt, begabt wie er war und als vorzüglicher aus einer hohen deutschen Schule hervorgegangener Arzt mußte er nur wollen, um sich die glanzvollste Carriere zu öffnen. Von Gönnern protegirt trat er, kaum in Petersburg angekommen, in Staatsdienste und gelangte bald zu einer Höhe, so hoch, daß ihm, zurückblickend, sein früheres Leben im elterlichen und schwiegerelterlichen Hause wie eine neblichre Tiefe erschien und es ihm dünkte unter dem Einflüsse eines Traumes zu leben. Hilf-, mittel- und wissenslvs, um den Morgen verlegen, das Heute verfluchend, verließ er vom innern Dran getrieben seine Heimat, gehöhnt und verspottet, sah er sich nun im goldgeputzten Rocke, im wallenden Busche und mit klirrendem Säbel auf dem schönsten Wege zu seinem Glücke! Zuweilen beschlich ihn eine bange Wehmuth, er dachte seiner Kinderjahre, seines Vaterhauses, seiner frommen Eltern, seiner Geschwister, zuweilen stahl sich manche Thräne ins Auge und glühte ein Heimweh in seinem Herzen, zuweilen fluchte