Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, dritter Jahrgang 5617 (1856-1857)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 68 (sequence 112)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2609281-2609286--2971-2610315- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
68 Wenn dann eine Zeit eiutrat, wo das Handwerk unter den Juden vernachlässigt war, so gehet wohl aus demVorhergehenden zur Genüge hervor, daß das Judenthum nicht daran Schuld war. Wahrend der Zeit des Mittelalters gehen uns auch zumeist die Quellen ab, ob es jüdische Handwerker gegeben hat und welches Gewerbe sie trieben.. Die Juden, hart bedrückt und bedrängt von außen, mußten sich um so mehr in sich zurückziehen. Wer unter den Juden also die Feder führte, versuchte dem gepreßten Herzen Lust zu machen im Gebete oder er weihte seine geistige Kraft der Erforschung des göttlichen Wortes. Christliche Schriftsteller hingegen nahmen auf die Juden wenig oder gar keine Rücksicht. Es war auch kaum möglich, daß die Juden Handwerke betreiben konnten. »Das Handwerk,« heißt es im Sprichworte, »hat goldenen Boden.« Wenn wir auch das »golden« bezweifeln wollten, so muß es jedenfalls Boden haben. Hatte der Jude aber Boden? Er, der heute nicht wußte, wohin ihn die Laune, die Willkür am andern Tage treiben werde? Seit vollends aber die Zünfte entstanden, die ursprünglich vollständig den Charakter derAusschließung hatten, war der Jude von jedem erfolgreichen Wirken auf diesem Gebiete ausgeschlossen. Doch lassen wir die Zeit der Schmach, und allerdings, glauben wir, wird jetzt jeder die Zeit als eine schmachvolle bezeichnen, in der man Menschen verbietet, im Schweiße ihres Angesichtes sich das Brot zu verdienen. Hören wir Luther, dem man doch gewiß nicht Judenfreundlichkeit zum Vorwurse machen kann, in dieser Beziehung. In einer seiner Abhandlungen sagt er: »Was man ihnen verbeut zu arbeiten und zu hantiren und andere menschliche Gemeinschaft zu haben, da man sie zu wuchern treibt, wie soll sie das bessern? Will man ihnen helfen, so muß man christlicher Liebe Gesetz an ihnen üben, sie freundlich annehmen, mitlassen werben und arbeiten, damit sie Ursach und Raum gewinnen, bei und um uns zu sein, unsere christliche Lehre im Leben zu hören und zu sehen.«