Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zweiter Jahrgang = Jahr 5616 (1855-1856) (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 251 (sequence 254)
- Language
- German
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251 breittretig, war es, als ob ein dreimastiges Schiff daher brauste, wenn sie einmal, was selten geschah, durch die Gasse schritt. Die Leute hielten sie für sehr stolz und sagten ihr nach, daß sie nicht weinen könne. So etwas will unter Menschen, denen die Thräne mit merkwürdiger Leichtigkeit aus dem Herzen in das Auge steigt, mehr sagen, als man glauben wird. Es erinnerte sich Keiner, so weit er zurückdenken konnte, jemals Hindel Spitz weinen gesehen zu haben; selbst am Jom Kippur bei den »heiligsten« Stellen konnte das aufmerksamste Auge keine Spur einer Thräne an ihr entdecken. War das ein Unglück? War es eine Krankheit? Es gab in diesem Puncte heftig streitende Parteien, die ihre Ansicht mit aller Hartnäckigkeit vertheidigten. Eigenthümlich war es, daß sich zuletzt eine Art gieriger Sehnsucht Aller bemächtigt hatte; jede Partei, und darunter namentlich die Frauen, warteten auf die Stunde, in der sich jenes Unglück, oder die Krankheit, wie Andere meinten, wenden und brechen mußte. Einmal werde sie' doch weinen müssen, ward allgemein angenommen, denn sie werde ja nicht eine Ausnahme von der Regel machen wollen? Sei das erhört, daß ein Judenweib nicht eine Thräne vergießen könne? Gott, der Lebendige, beschütze und bewahre Jede vor so einem Unglück, aber man werde schon sehen, wie ihr das einmal mit»Procent« würde zurückgezahlt werden, denn Gott lasse nicht mit sich spielen, der wolle, daß eine Frau weine, sei es um was immer. Denn zu weinen habe sie stets/ und wenn sie es durchaus nicht könne, so müsse sie sich dazu zwingen. Nun, so weit ließ fick Hindel nicht herab. Sie war in ihrem Sinne eine jener starken und gewaltigen »Regierungen«, die sich um keinen Preis vom »Volkswillen« etwas abtrotzen lassen wollen. Hindel solle sich zum Weinen zwingen? Hatte sie das nöthig? Gerade Naturen solcher Art werden durch den Widerstand, der ihnen entgegentritt, noch schärfer und kantiger, und was bei ihnen anfangs nur Gewohnheit und angebornes Thun war, das verkehrt sich zuletzt in ein Recht. Man wird es nun leicht glauben,