Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zweiter Jahrgang = Jahr 5616 (1855-1856) (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 219 (sequence 222)
- Language
- German
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219 der. Wir hier gehen nur vom humanen Standpunkte ans, und da dünkt uns denn die Hand, die wohlthuende, segenspendende, welche den Platz zum Mittags- oder Abendtische freundlich anweist, und sich dem ehrenhaften — wenn auch armen — Mann zum Danke nicht versagt; nicht jene Hand, die mit der einen Bewegung das reichere Almosen bietet und mit der andern nach der Thüre zeigt. Freilich kann nicht Thür und Haus Jedem offen stehen, und am wenigsten in großen Städten, dem Herde von Abenteurern und Landstreichern. Aber darum sollte die alte schöne Stammestugend der Gastfreundschaft nicht ganz außer Cours gerathen; sie brauchte nur ein neues Gepräge anzunehmen. Die Gedenktäfelchen an den Thürpfosten scheinen wohl auch zu den wenigsten modernen Einrichtungen zu passen. Wir, die wir nicht zu den Formgläubigen gehören, würden uns darüber hinwegsetzen, wenn die vermeintlich überflüssige Warnungstafel sich dafür nur anderswo, z. B. in den wachsweichen Kinderherzen, ausgeprägt fände. So waren die vielen Satzungen und Gebräuche, worin die Mädchen im Hause frühzeitig eingewecht wurden, praktische Religionsübungen, die jedenfalls täglich und stündlich daran erinnerten, daß es noch höhere Gebote gebe, als diejenigen sind, die der eigenen Bequemlichkeit oder Sinnenlust entspringen. Ist ein hinreichender Ersatz für die hier leer gewordene Tafel geboten? Unseres Amtes und Berufes ist es nicht für die leeren Tafeln an allen gebotenen Fast- und Bußtagen das Wort zu führen; aber für die Gedenktafeln an Fastwie an Festtagen möchten wir ein solches Wort einlegen. Wie es am Küchenherd brodeln soll oder nicht, darüber mögen Andere streiten unb eifern, wir wünschen nur, daß am häuslichen Herd die Einnerung an unsere großen historischen Feste lebendig auflodern soll. Eine nubere leere Tafel finden wir häufig in den Köpfen der männlichen Jugend. Fern sei es von uns sehnsüchtige Rückblicke nach dem Talmudstudium als geistiges Gemeingut zu werfen. Aber wir können uns nicht verhehlen, daß