Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zweiter Jahrgang = Jahr 5616 (1855-1856) (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 208 (sequence 211)
- Language
- German
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208 wach und offen erhalten — wird ohne Mühe irgend eine leere Tafel, irgend eine Lücke im Leben, in der Wissenschaft oder in der Kunst anffinden, die der Ausfüllung harrt» Wo unsere Stelle ist, das sagen uns die äußeren Verhältnisse, das sagt uns noch mehr der innere Berus, der jene siegreich zu überwinden vermag. Wir Juden aber, denen so oft ein Vaterland versagt ward, haben uns um so tiefer in den Begriff der Humanität hineingelebt, und uns daran gewöhnt, die weite Welt als unser Vaterland anzusehen. So trifft man unter den gebildeten Juden häufiger den sogenannten Weltschmerz, aber wieder auch häufiger die Weltfrende in dem weniger gebrauchten besseren Wortsinne, die Freude an dem Wirken für ein unbegrenzt Gutes, Wahres, Schönes. Das aber ist der erhebendste Trost, der in eines Jeden Brust lebt oder leben sollte; man mag uns da ächten, dort ächten, von uns hängt es ab, uns an jeder Stelle, in jedem Verhältnisse achten zu machen. Wo heute die Tafeln in den gedachten unermeßlichen Umkreisen leer stehen: das lesen erst späte Enkel in den Jahrbüchern der Geschichte. Wo die leere Tafel im Vaterlande aufgerichtet steht, das ließe sich schon genauer bezeichnen, auch inwiefern die Hände gebunden sind oder nicht, um den Griffel zur Ausführung zu führen. Aber ob auch hie und da Bürgerrechte noch eingeschränkt und verkümmert sind, Bürgerkronen gibt es für Männer an Geist und Herzen überall aufzulesen, und es kann in der allgewaltigen Natur der Dinge den Bürgerkronen noch weniger als den Edelmannskronen das volle uneingeschränkte Bürgerrecht lange fehlen. Auf allen Wegen und Stegen steht so eine leere Tafel, und der bessere Sinn der Fürstetl und Völker sträubt sich immer mehr dagegen, daß, um sich dort einzeichnen zu dürfen, der Jude erst seine eigenen Mosistaseln verläugnen und zerbrechen müsse. Darüber gehe man nun ehrlich mit sich selber zu Rathe. Nicht ein Jeder kann seinen, kann seines Volkes Namen mit Ruhm und Glanz umgeben, allein wohl ein Jeder braucht