Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zweiter Jahrgang = Jahr 5616 (1855-1856) (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 210)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2609281-2609284--2720-2610063- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die leere Tafel. Auf die Ehrentafel lassen wir noch nicht den Gegensatz der schwarzen Tafel, sondern jenen der leeren Tafel, d. i. der noch nicht vorhandenen Ehrentafel folgen. Denn viel des Guten und Ehrenhaften schweb! uns Lm Geiste vor, was noch nicht da ist, aber da sein könnte und sollte. Wir haben diesem Gedanken schon früher in der Form von Pia desideria Raum gegeben, die Ln den verschiedenen Jahrgängen dieses Jahrbuchs unter seiner früheren Leitung erschienen. Wir könnten ihn heute eben so oder auch als Anregungen bezeichnen, aber wir glauben mit dem vorangestellten Namen ein bestimmteres Bild zu geben. Wir stellen die leere Tafel auf, der eherne Griffel liegt daneben. Willkommen ein Jeder, der mit Geist und Muth sich einzuzeichnen versteht und seinen Namen dem Tode der Vergessenheit zu entreißen weiß. Einen Zweck hat die Aufstellung der Leeren Tafel mit jenem der Ehrentafel gemein. Art den vollbrachten Leistungen erstarkt das Vertrauen zur eigenen Kraftj und daran erhebt sich wieder der Wille, um vor der Reihe der noch zu vollbringenden Dinge nicht zurück zu schrecken. Wenn der Rückblick vor Unterschätzung des eigenen Standpunktes bewahrt, so schützt der Aufblick vor eitler Ueberschätzung und vor Dünkel. Die leere Tafel hängt überall in der großen Welt, im umgrenzten Vaterland, im weiten Verbände des Judenthums, und im engen der Gemeinde, und endlich im eigenen Hause im Kopf und Herz der Kinder und Angehörigen. Wäre der Gegenstand nicht so verzweifelt ernst, wir würden mit dem belachten Wort jenes bekannten Schullehrers beginnen: Ich sehe wieder Viele, die nicht da sind. Wohin das Schicksal den Menschen in der großen weiten Welt verschlägt, unser inneres Auge — wofern wir es