Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zweiter Jahrgang = Jahr 5616 (1855-1856) (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 91 (sequence 94)
- Language
- German
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91 uns niedrig behandeln, doch nicht erniedrigen.« Und unsere Weisen diedasEhrgefühldesJudenammeistennährten, sagen: »Ziehe dem Aase das Fell auf offener Straße ab und nimm deinen Lohn dafür. Sage nicht: Ich bin ein großer, berühmter Mann, ich bin Priester, für mich wäre so etwas erniedrigend.« — Und Rabbi Akiba, der Schöpfer des talmudischen Judenthnms mit seinen massenhaften Observanzen sagt: »Mache den Sabbat zumWochentage und nimm nicht die Hilfe der Mitmenschen an.« Die neuere Zeit mit ihren socialen Verhältnissen hat allerdings in dieser Beziehung Vieles verbessert. Wir weisen auf die vielen Handwerker hin, die gerade nicht ihre Beschäftigung mit kölnischem Wasser betreiben. Hoffen wir, je weiter die Thore des Ghettos sich öffnen, desto mehr wird der frische Strom des Lebens die zerstreuten Glieder Israels umfassen und sie erquicken. Wohl wissen wir, daß der Strom des Lebens nicht immer reines Krystallwasser bringt, gar häufig wird Lehm und Schlamm aufgewühlt; aber nicht minder ist die frische Strömung erquickend. Wenn aber trotz all dieser Ursachen die Armuth unter den Juden nicht in dem Maße in ihrer Verfallenheit und Verwahrlosung nach Außen sich zeigt, als anderswo, so liegt das zunächst in der Genügsamkeit und in der sittlichen Kraft des Glaubens. Was auch gegen die Lehren der Enthaltsamkeit, der Ceremonialgefttze insbesondere gesagt werden mag, Eines förderten sie, und das ist den bescheidenen Sinn, die Genügsamkeit. Man halte sich einmal, um nur Eines anzuführen, das Bild eures armen Juden vor. Die ganze Woche wandert er von Haus zu Haus, um etwas für sich und seine Familie zu erwerben. Ueberall tritt ihm der Hohn und Spott entgegen, und kommt er Abends in die Wirthsstube, da kann er nicht mit den Andern essen, weil ihm das die Religion verbietet; und trinken mag er eben nicht, weil er an Mäßigkeit gewöhnt ist. Hartes, trockenes Brot ist seine Nahrung. Liegt er dann auf dem harten Lager, so