Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zweiter Jahrgang = Jahr 5616 (1855-1856) (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 92 (sequence 95)
- Language
- German
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92 freut er sich mit dem Gedanken, daß Weib und Kind in ihrem ZLmmerchen wohl verwahrt sind. Und wahrlich Weib und Kind haben auch seiner nicht vergessen. Was Gutes während der Woche kömmt, es wird für den Sabbat aufgespart, wo der Familienvater zu Hause rst. Ist endlich eine solche Woche voll Jammer und Elend vorüber, wer sieht es den freudigen Gesichtern am Freitag Abend an, wie der Kummer in ihren Herzen genagt? Zu Ehren des Sabbat ist Alles nett und rein. Auch das Tischtuch, das den halbgebrochenen Tisch bedeckt, ist, obwohl grob, doch frisch gewaschen. Da kömmt der Vater aus dem Gotteshause nach Hause und ertheilt in patriarchalischer Weise den Kindern, die sich um ihn schaaren, den Segen, und dann stimmt er das Lob des wackern Weibes an. Bei dem ärmlichen, kärglichen Mahle gehen die Herzen aus, und es wird ein Lied gesungen dem, »der es uns nie hat fehlen lassen und der uns ferner nicht wird Mangel leiden lassen.« — Was sind alle Feste mit dem Goldes- und Juwelenschein gegen dieses einfache, herzlichinnige Familienleben. Ein solcher Abend gab Stärkung wieder für eine ganze Woche, um ruhig Mühsal und Kummer zu ertragen. Ein anderes aber, was die Armuth mildert und ihre äußere Erscheinung anständiger macht, ist der unendliche Quell der Liebe und Barmherzigkeit unserer Mitbrüder. Es ist ein altes Lob, das man uns zollt: Die Kinder Israels sind barmherzig, bescheiden, verschämt und mildthätig. Liebe, Güte und Milde sind die geleitenden Engel des Juden. Bei der Geburt eines Kindes, beim Traualtäre, an der Todtenbahre, bei allen Ereignissen des Lebens in Freud' und Leid, der Jude hat stets offene Hand mtO offenes Herz für seinen Mitbruder. Was uns auch im Laufe der Zeiten verloren gegangen ist, dies Erbtheil unserer Väter haben wir nicht verloren. Es gibt keine jüdische Gemeinde, die nicht für Armenpflege Sorge tragen würde.