Mannheim
Compact Memory

Kalender und Jahrbuch für Israeliten · 1855-01-01 · Neue Folge, zweiter Jahrgang = Jahr 5616 (1855-1856) (1855) · p. Seite 90

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Kalender und Jahrbuch für Israeliten
Volume
Neue Folge, zweiter Jahrgang = Jahr 5616 (1855-1856) (1855)
Date
1855-01-01
Page
Seite 90 (sequence 93)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2609281-2609284--2603-2609946
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

90 Macht, daß wir uns für »das auserwählte Volk« halten. Wir wollen nicht fragen, haben wir nicht ein Recht dazu? — Von Abraham, dem ersten, der den einig-einzigen Gott erkannt hat, bis herab auf die letzten Zeiten war es unser Beruf herumzuziehen und den Namen Gottes zu lehren, zu verkünden, zu heiligen. Das Wort, das auf dem Sinai erscholl, zog durch die ganze civilisirte Welt, unsere Gesetze sind die Gesetze der Menschheit geworden; unsere Lieder und Gesänge erheben noch heute in allen Gotteshäusern die Herzen und die Geister zu Gott. — Aber lassen wir das in so ferne dahingestellt, wir wollen hier nicht von dem Berufe Israels sprechen. So viel ist gewiß, daß der Gedanke in dem Herzen des Volkes gar mächtig und gewaltig wirken mußte. Von diesem Berufe erfüllt, hat sich Israel über jeden Druck erhoben, hat es jede Schmach von sich abgeschüttelt. Es war darum nicht ganz erfolglos, wenn die alten Weisen Israel stets an den Adel seiner Ahnen erinnerte. Wir sind dieNachkommenAbrahams,seinesLieblings; Jsaks, der für ihn in den Tod gehen wollte, und Jakobs, den Gott selber Israel, den Gotteskämpfer, und Jeschurun, den Gerechten nannte. Allerdings ist für Manche das grünende blühende Reis der Hoffnung und Verklärung zum dürren Stab geworden. Statt, daß dieses Gefühl die Kraft stählen sollte, bildete sich bei dem Einen oder Andern ein Gefübl der Ueberschätzung daraus. Man glaubte sich blos zu gewissen Beschäftigungen berufen, und hielt das und jenes als erniedrigend. Wir erinnern in dieser Beziehung nur, wie manche Kinder, deren Eltern in Achtung und Ansehen stehen oder gestanden sind, es unter ihrer Würde halten, in Dienstverhältnisse zu treten. Wir sehen da einen Kampf, der Einzelne allerdings aus der Nacht des Unglücks zum Tage des Glückes führt; der größere Theil aber vergeudet unnütz seine Kraft und untergräbt sich das Lebensglück. Und doch wo gibt es eine Beschäftigung, in Rechtlichkeit und Redlichkeit betrieben, die erniedrigen körrnte. »Die Menschen können

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.