Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, zweiter Jahrgang = Jahr 5616 (1855-1856) (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 35 (sequence 38)
- Language
- German
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35 Die plastische Kunst als Bildhauer wird auch in der That bei dem Volke, das in der heidnischen Vorzeit mit Recht als das kunstsinnigste geschildert wird, in ihrer höchsten Entwicklung vorgefunden. Was Phidias und Prariteles geleistet, steht unerreichbar, dem Kunstjünger als Muster vor; wie groß der Zeitraum auch, der seit Athens Blüte bis zur heutigen Zeit verflossen; wie zahlreich auch die Geister verschiedener Art, die im christlichen Mittelalter, wie in neuerer Zeit es versucht, Stein und Metall zur Versinnlichung der Schönheit zu erwählen: umsonst war das Streben, die Künstler Griechenlands zu übertreffen. Wie schön auch die Werke der neuern Künstler in diesem Bereiche sein mögen, das Schönste war erreicht: das Göttliche wollte sich nicht mehr in eine die Materie bis Ln ihre Ausdehnung selbst darstellende Form bannen lassen. Wohl gibt es noch bedeutende Bildhauer seit dem Untergange des Heidenthums in der gebildeten Welt, der Strom der Zeit drängt aber die edlen Kunstnaturen nach einem andern Felde, wo das Höchste noch nicht erreicht wurde. Das Größte sucht der Mensch, darin liegt sein Ruhm, darin seine Pein. Mit dem Christenthume entsteht eine andere Zeit; wenn auch in seinem Stifter und in vielen seiner ersten Lehrer den Juden angehörend, so erhielt die christliche Gemeinde doch ihren Zuwachs und eigentlichen Bestand von den aus der heidnischen Bevölkerung ihr zuströmenden Massen. Kaum ist der Kampf erloschen, um den es sich in seinem ersten Bestehen handelte, kaum ist ihm Muße gegönnt, deren die Kunst benöthigt, die Sinne erfreuend zu bilden und das Reich der Phantasie zu begründen, so erheben sich Männer, in deren Gemüth die Mysterien des christlichen Glaubens tiefe Wurzeln schlagen, denen der Gottmensch und seine Mutter als Himmelswesen vor Augen schweben. Stein und Metall erscheinen als zu sinnliche Materien, um jene geistbeseelten Formen zu schaffen und sie zu Trägern jener Werke zu erheben. Mystisch und sonderbar (eraäo quia absurdum est, sagt einer der berühmtesten Kirchenlehrer) sind 3 *