Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, erster Jahrgang = Jahr 5615 (1854-1855) (1854)
- Date
- 1854-01-01
- Page
- Seite 262 (sequence 368)
- Language
- German
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262 besonders eine gewisse Ruhe und Würde in ihrem äußern Austreten, das seltene Vorkommen von Zank und Streitigkeiten vor Gerichten, besonders in Sachen, die dasGemeindewesen berühren, zugleich aber auch ihre im Ganzen günstig sociale Stellung, verschaffte ihnen ein gewisses Ansehen bei den Behörden, und den Vornehmen unter ihnen einen Umgang mit den hohem Ständen des Landes. Schade nur, daß ihr „Orientalismus" auch noch andere orientalische Gebräuche und Sitten mit sich führt, die sie für den Eintritt in den Kreis moderner Bestrebungen, und Reformen im bessern Sinne, weit weniger empfänglich machen als die westeuropäischen Israeliten überhaupt, und. selbst die dortigen polnisch-deutschen Israeliten. Doch hieße es, etwas psychologisch Unmögliches verlangen, wenn man von ihnen verlangen wollte, daß sie eben nur das Gute aus dem Orien- Lalismus, mit dem sie Jahrhunderte in Berührung waren, sich hätten aneignen sollen. Es liegt hier vielmehr ein neuer Beweis vor Augen, daß der jüdische Stamm, bei aller innern Lebenskraft, die ihm inhärirt, wodurch er wie jene mächtigen Riesen-Stämme aus der Pflanzenwelt in allen Klimaten ausdauert und excessiven feindlichen Einflüssen der Außenwelt siegreich widersteht, er dennoch diese Einflüsse nicht ganz und gar von sich weiset (das wäre ja gegen das Gesetz des Lebens), sondern sie vielmehr in seinem Innern aufnimmt, in sich verarbeitet, sie assimilirt und daraus eben seine eigentümlichen localverschiedenen Varietäten-Typen construirt. So entstehen geographische Varietäten einer und derselben Species in der Pflanzen-, so auch in der Menschenwelt, und so auch innerhalb der Sphäre unseres eigenen Stammes. Es ist also ungereimt, beim polnischen Juden z.B., der Jahrhunderte lang mit einem lebhaften, geistreichen, aber eben nicht charakterfesten und ordnungsliebenden Sarmaten- Volke (den Polen) zusammen gelebt hat, seine Verstandesschärfe und geistige Regsamkeit und Frische zu loben, ihm aber zugleich seinen Mangel an ästhetischem Sinn, Ordnungsliebe und Charakterfestigkeit, die dem germanischen Stamme