Mannheim
Compact Memory

Kalender und Jahrbuch für Israeliten · 1854-01-01 · Neue Folge, erster Jahrgang = Jahr 5615 (1854-1855) (1854) · p. Seite 211

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Kalender und Jahrbuch für Israeliten
Volume
Neue Folge, erster Jahrgang = Jahr 5615 (1854-1855) (1854)
Date
1854-01-01
Page
Seite 211 (sequence 317)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2609281-2609282--2305-2609647
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

21! im Hebräischen — überall knüpfen sich ganz andere Nebenvorstellungen an denselben Begriff, — zudem haftet ein eigenes seelisches Element an dem Worte, daß das Gefühl an tausend Fäden mit dem muttersprachlichen Laute zusammenhängt, den ihm kein anderer mehr zu ersetzen vermag. Wird nun dem Kindeschon in der zartesten Alterstufe mehr als Eine Sprache geboten, ehe sich die erste und natürlichere Muttersprache eine festere Grundlage verschafft hat, so bedrohet man die richtige Denkkraft eben so sehr als die Charakterbildung. Der Verstand lernt wieder nicht den Inhalt der Vorstellungen erschöpfen, wie die Sprache sie ihm bietet,! erfaßt wieder nur die allgemeine Form der Dinge, wenn nicht gar, wie glaubwürdige Pädagogen oft erfahren zu haben behaupten, durch Verfrühung des fremdsprachlichen Unterrichtes völlige Verdummung eintritt. In das Gemüth endlich wird durch vorzeitige Sprachenmehrheit ebenfalls ein Zwiespalt und eine Unsicherheit hineingetragen, die zuletzt inVerflachung und Verfechtung endet. Letzteres war bei Anastasius um so mehr zu befürchten, als sein Vater auf den Religionsunterricht gar kein Gewicht legte und den bezüglichen Staatsvorschriften sich nur der Form wegen fügte. — Dahin war es mit der heiligsten Angelegenheit, in der alle Erziehung wurzelt und dahin alle wieder zurückkehren sollten, gekommen, daß man sie als blos polizeiliche Verordnung betrachtete, der man allenfalls zwei Stunden der Woche „opfern" müsse, die aber bei dem Widerspruche der ganzen Hauseinrichtung mit den Lehren der Religion ganz wirkungslos blieben. Die hebräische Sprache, die nicht nur als das einigende Band der Nation, sondern auch als religiöses Bildungsmittel von höchster Bedeutung ist, wollte Carl gar nicht dulden. —- was verstand auch der prosaische Mensch von dem so ganz eigenen religiösen Dust, der die heilige Sprache durchwehet und an jedemWorte hastet, von dem Nimbus, der alle ihre Formen verklärt, und gegen die jede Übersetzung wie eine gemachte Sonne, eine papierne Rose sich verhält. Weder die sentimentalen „bibli- 14*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.