Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, erster Jahrgang = Jahr 5615 (1854-1855) (1854)
- Date
- 1854-01-01
- Page
- Seite 200 (sequence 306)
- Language
- German
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200 So kam man aus dem fortwährenden Opponiren und Disputiren und gelehrten Streitigkeiten gar nicht heraus, und selbst imBethause wurde der Prediger von einer stets kampffertigen Studentenschaar wie von einem Bienenschwarm überfallen, die ihn durch scharfsinnige Einwürfe aus dem Texte zu bringen suchten. Diese Kampffertigkeit ward bald zur rücksichtslosen, witzsüchtigen Neckerei. Selbstüberschätzung des Geistes und Verwahrlosung der äußern Erscheinung blieben nicht aus, und da man für diese Capriolensprünge des Witzes nicht leicht etwas Verwandtes in andern Wissenskreisen finden konnte, so hatte sich die Meinung von einer ausschließlichen Begabung des talmudisch gebildeten Kopfes unerschütterlich festgesetzt. Inzwischen war die Saat, die der große Moses Mendelssohn hingestreuet hatte, reichlich aufgegangen; ein befruchtender Odem wehete daher, daß alles lichtscheue Geflügel, wie die Seemöven vor dem Sturme, emporgeflattert war, und die Streiflichter vom Berliner Culturvereine ausgehend. beleuchteten hell und grell den Graus der Verwüstung, den die polnische Schule unter deutschen Juden angestiftet hatte. Man begann einzusehen, wie weit man sich von der echten jüdischen Weisheit, wie die Heroen der Vorzeit sie gepflegt, entfernt habe, und selbst im Schooße der Jeschiboth wurde an dem Ausbau einer besseren Wissenschaft gearbeitet. Auch Gerson wußte sich in den Besitz der verpönten Mendelssohn'schen Bibelübersetzung, einer deutschen und hebräischen Grammatik zu bringen, und versuchte sich heimlich in den modernen Studien. Aber ungewohnt, von Elementen auszugehen und sicher fortzuschreiten, will er sich gleich inmitten der Strömung versetzen, möchte widersprechen, Einwendungen machen. Doch das grammatikalische Gesetz ist unbeugsam, gleich einem „Verhängniß der Thora" — nach Gerson's Ausdruck — das auf kein Warum eine Antwort hat, und der Bachur versucht es nun, die Paragraphe gegen einander zu Hetzen. Widersprüche durch Wortklauberei herauszufinden, und seinem Disputationsdrange einen Kampf-