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Kalender und Jahrbuch für Israeliten · 1854-01-01 · Neue Folge, erster Jahrgang = Jahr 5615 (1854-1855) (1854) · p. Seite 201

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Journal
Kalender und Jahrbuch für Israeliten
Volume
Neue Folge, erster Jahrgang = Jahr 5615 (1854-1855) (1854)
Date
1854-01-01
Page
Seite 201 (sequence 307)
Language
German
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IRI
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201 platz zu erzwingen. Nachdem er auch hier einige „Mörtel" zu Stande gebracht, wirst er sich, des trockenen Studiums müde, aus die belletristische Lectüre. Aber wie in seinem Verstände kein Ruhen in dem Stoffe, kein Tiefsinn, der sich»versenkt, so kann ihn auch an der Dichtung nicht die beschauliche Klarheit, nicht die Treue der Zeichnung, nicht die Wahrheit der Empfindungen fesseln. Er sucht eine ähnliche Ueberwürzung für das Gefühl, wie der Witz für den Verstand es ist, und findet sie im Widerstreit der Affeete, wo die Leidenschaft bis zum Pathos, der eben der Witz des Gefühles ist, sich steigert. Dort labt er sich an der Ueberspanntheit und dem Ueberreiz, die aus dem Phrasenkothurne einhersteigen; dort sammelt er in planloser Lectüre jene Weisheit auf, die aus den buntesten Lappen und Brocken kraus und wirr zusammengestoppelt ist, bis all die Tragödien, Komödien, Romane, Draschoth und „ Mörtels " in einander verlausen, und der „geschickte Mensch" von jenem Jahrzehnt vollendet ist. Da er nun Alles vom Grunde aus zu verstehen vermeint, verläßt er die Jeschiba, um sich eine Scherut (Bedienstung) als Hauslehrer zu verschaffen. Sein Principal, sehr unwissend zwar, hält sich für einen glänzenden Kops, und obwohl Gerson, der keine Größe neben sich dulden will, bei jeder Gelegenheit ihm Ignoranz vorwirft, leben doch beide im besten Einvernehmen, denn die Pietät vordem jüdischen Gelehrten übersah dessen Rücksichtslosigkeit mit rührender Nachsicht. — Nun verstand zwar Gerson den Tugendnnterricht ganz und gar nicht, ist aber um so mehr von seiner Lehrtüchtigkeit überzeugt, worin auch die zärtliche Haustochter, der er seine Gedichte vorgelesen, vollkommen übereinstimmt. Der Principal überträgt dem Hauslehrer, der als Talmudist Alles verstehen muß, Correspondenz und Rechensührung, und Gerson gelangt so auf praktischem Wege zu den nothdürftigsten Geschäftskenntnissen. — Immer unentbehrlicher wird er dem Prinzipal, immer liebenswürdiger erscheint er der Haustochter, bis ihn jener zum Kompagnon ernennt, und mit dieser ehelich vereint. — Bon nun an wird

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