Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, erster Jahrgang = Jahr 5615 (1854-1855) (1854)
- Date
- 1854-01-01
- Page
- Seite 199 (sequence 305)
- Language
- German
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199 „eisernen Kopf", wie man sich damals ausdrückte, und sollte mit dem 13. Lebensjahre die Jeschiba, die Hochschule der Talmudisten, beziehen. In dem Hause eines Rabbiners fragt die Gastfreundschaft Niemanden um den Zweck des Besuches. Man klopft nicht an die Thüre, um das ..Herein" zu erwarten, man kommt und gehet, wie man Lust und Laune bat, und ganz unbefangen tritt Gerson bei seinem Meister ein. Dieser, ein gemächlicher, witzsüchtiger Mann, hält große Stücke auf seine Jeschiba, ist aber allen nichttalmudischen Kenntnissen, wie dem praktischen Leben so entfremdet, daß er z. B. nicht einmal die landesüblichen Münzen kennt. Der Rabbi wird entschuldigen, Hub Gerson an, ich soll an Seiner Jeschiba studiren. „Wie heißt du?" — Gerson Lewi. „ Es stehet geschrieben: (klnllevl (Labber jsäabber) d. h. der Lewi muß was zu sagen wissen. Kannst du was sagen?" Etwas sagen, darunter verstand man eine Abhandlung recitiren, die ein talmudisches Thema durch Spitzfindigkeiten verwickelt, um die hineingeklügelten Schwierigkeiten durch eine scharfsinnig aneinander gefügte Reihe von Fragen und Antworten, Einwürfen und Schlüssen ebenso künstlich wieder zu lösen. „Alsokannstdu was sagen?" fragt der Rabbi. — „Sie haben einen Mund und können nichts sagen, stehet nur von Götzen geschrieben! Warum sollte ich nichts sagen können?" erwiedertGerson,in derManier derJeschibajünger, die immer fragen, wo sie antworten sollen. So trug er sein „Wörtel" (die Abhandlung) vor und der Rabbi hörte ungeduldig zu. Am Schlüsse fragt dieser: Von wem ist das Wörtel? „Von wem soll es sein?Von meinem Lehrer!" — So bleibe denn an meiner Jeschiba, und lerne, dqß dein Lehrer ein Schüler nur war, beschließt der Rabbi das Gespräch, und Gerson entfernt sich, um bei den wohlthätigen Gemeindemitgliedern sich Freitische für jeden Tag der Woche zu verschaffen. Solche wurden den Talmudstudenten bereitwilligst gewäbrt, wofür diese den Hausherrn jedesmal mit einer talmudischen Disputation zu unterhalten hatten.