Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, erster Jahrgang = Jahr 5615 (1854-1855) (1854)
- Date
- 1854-01-01
- Page
- Seite 197 (sequence 303)
- Language
- German
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197 Nichts von dem! — Gerson kannte nie den Kinderfrohsinn, denn Scheu und Befangenheit waren die ersten Gefühle des von der Straßenjugend gehöhnten Judenkindes, und eine harte Zucht mißgönnte ihm des Spieles Freuden. Seine erste Geistesblüthe aber war — das konmoi, das Wortspiel mit Bibelverftn und Talmudssprüchen, der beißende Witz des Juden, eine wilde Blume, die auf den Pflanzstätten der Verzweiflung wächst, und mit der die namenlose Qual ihren Wermuthskelch kredenzt. Gerson mußte in den ersten Morgenstunden zur Frühandacht sich begeben, so gerne das Kind noch weiter geschlafen hätte. In des Kindes Schlafe wacht nicht, wie beim Erwachsenen, Das zagende Herz auch in schweigsamer Stunde; ihm wächst das Leben nicht so wild hinein bis in die Welt der Träume, und die Sorge mit ihren Klagen klingt ihm nicht hinüber bis in das Reich des Friedens. Gar rein und heilig ist des Kindes Schlaf und voll holder Friedseligkeit, da es. ungestört von den vielen ungeschickten Händen, die durch seine Blüthen fahren, bei sich selber einkehren kann. — Ach! laßt die Kindlein schlafen. — Aber dem Judenkinde verengt man auch sein Traumgebiet und mißt den Schlaf ihm kärglich zu. — Schalom mochte das fühlen, und glaubte dem Kinde Ersatz zu bieten, wenn er es einige Geldmünzen aus dem Wege zur Synagoge finden ließ. „Siehst du, mein Junge! Wer früh aufstehet, hat Glück. Hättest du das Geld gefunden, wenn du noch schliefest?" Rasch entgegnete der 6jähr. Knabe: Umgekehrt Vater! Wer früh aufstehet, hat Unglück. Hätte der Eigenthümer das Geld verloren, wenn er nicht schon früher über die Straße gegangen wäre? — Der Vater, durch seine eigenen Waffen geschlagen, weissagte sich aus diesen wie aus ähnlichen geistreichen Antworten eine glückliche Zukunft, munterte das Kind immer zu neuen Witzen und Wortspielen auf, wozu der Jargon, der von jeder Sprachregel entfesselt, reichen Stoff bietet, und die fortwährende Beschäftigung mit Auslegen und Deuten der Buchstaben und