Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, erster Jahrgang = Jahr 5615 (1854-1855) (1854)
- Date
- 1854-01-01
- Page
- Seite 164 (sequence 271)
- Language
- German
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164 gewiß sein, alle Herzen zu beleben, zu erquicken und zu gewinnen. Es ist jetzt eine ganz andere Zeit. Man ist mit einer Predigt nicht, wie vor dreißig Jahren, blos darum zufriedengestellt, weil sie in hochdeutscher Sprache gehalten wird; die Zeitbildung hat einen Höhepunkt erreicht, man macht gesteigerte Ansprüche. Die Universitäts-Jugend, die Candidaten, kommen mit ihren kritischen Brillen, mit ihren logischen Secir-Jnstrumenten, zerfahren jedes Theilchen an der Predigt, und schauen ihr tief ins Herz hinein. Sie wollen Gedanken wie Blitze, Kraftausdrücke wie Donnerkeile, und den Prediger einem Jupiter gleich vernehmen, der seine Donner und Blitze unter die versammelte Gemeinde hineinkrachen läßt, um die verhärteten Herzen zu erschüttern und die befangenen Sinne aus dem Gleichgiltigkeitsschlummer in ein höheres, geistiges Leben zu rütteln. Aber auch die Damen-Welt will berücksichtiget werden. Die gebildeten Damen sind die Friedens-Kunstrichter in unserer Zeit. Sie kommen in den Tempel zu großem Theile der Predigt halber. Da darf dem Prediger ja kein Alltagswörtchen entschlüpfen, jedes unästhetische an Gedanke wie an Ausdruck wird ihm notirt. Mit einem Wort?, sie wollen etwas Schönes hören. Die ganze schöne Literatur, mit der sie sich in ihrem Boudoir vertraut gemacht, wollen sie auf der Kanzel vereint sehen, um sich eine halbe Stunde Genuß zu verschaffen. Und in der That gibt es nichts Schöneres, als eine von Meisterhand gerundet? und geglättete, in allen ihren Formentheilen schön herausgemeißelte Rede; es ist ein Vergnügen, es ist ein wahrer Kunstgenuß. Und diesen Kunstgenuß können unsere Prediger so lange uns nicht gewähren, als man ihnen Zeit und Muße zu eigener Vervollkommnung benimmt, und durch ras verlangte Auswendiglernen jeden Funken von Poesie in ihnen ersticken macht. Auf diesen Punkt legen wir besonders Gewicht. Viertens. Möge man alle Schnörkel vom Gesänge wegschaffen und dafür einfache Synagogenmelodien einführen, damit die Versammlung mitsingen und mitbeten