Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, erster Jahrgang = Jahr 5615 (1854-1855) (1854)
- Date
- 1854-01-01
- Page
- Seite 163 (sequence 270)
- Language
- German
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163 belästigend, zeitraubend, und nicht seines Amtes, d) Eine jede Predigt darf nicht viel über den Zeitraum einer halben Stunde einnehmen; denn selbst die beste Rede spannt bei längerer Dauer die Aufmerksamkeit äußerst ab. Für das ruhige, gemessene Sprechen also innerhalb dreißig Minuten kann schon der mittelmäßigste Redner im Laufe von sechs Tagen etwas Angemessenes zusammenstellen, e) Was die Hauptsache ist, das Auswendiglernen der Predigt muß ihm erlassen werden; es raubt ihm die meiste Zeit, und bringt nur Nachtheil. Das Auswendiglernen ist für den erwachsenen Menschen eine Qual, für den Redner sogar zugrunderichtend, denn es schwächt die Denkkraft. Haben wir Eine Predigt von einem Solchen gehört, brauchen wir dann gar keine mehr von ihm zu hören: sie sind sich einander gleich. Die eingeprägten Ausdrücke werden fest, der ganze Jdeengang verschroben, er kann aus seinem Kreise nicht heraus. Von frischen Gedanken, neuen frappanten Redewendungen keine Spur mehr, das Auswendiglernen hat einen eisernen Riegel davor geschoben. Und sehen wir nun einmal einen jungen, angehenden Prediger von mittelmäßigem Talente, wie er aus der Kanzel erscheint mit blassen, eingefallenen Wangen, mit hohler, zitternder Stimme, voller Angst und ohne Haltung, nicht etwa vom Studiren und Denken, nein vom abhärmenden Auswendiglernen, nicht aus Scheu vor der anwesenden Versammlung, sondern blos aus Furcht, es könnte ihm sein Gedächtniß nicht Stich halten, es könnte geschehen, daß ihm ein Wort, ja ein ganzer Sah entfalle und er aus dem Zusammenhang komme, und somit auch aus der Fassung. Das Publikum wird aber dadurch ebenfalls beängstigt, verliert gleich zu Anfang die Geduld, und so ist die wochenlang erwartete Predigt Beiden zur Last. Nein, das kann nicht der Zweck sein. Zu jeder Zeit, selbst in den verhängnißvollsten Tagen, muß der Prediger glaubensbegeistert, zuverfichtig, freudig aus die Kanzel kommen, und aus dem Füllhorn seiner Beredsamkeit Blumen, Blüthen und Früchte unter die Zuhörer streuen, und eben so sicher und eben so 11*