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Kalender und Jahrbuch für Israeliten · 1854-01-01 · Neue Folge, erster Jahrgang = Jahr 5615 (1854-1855) (1854) · p. Seite 103

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Journal
Kalender und Jahrbuch für Israeliten
Volume
Neue Folge, erster Jahrgang = Jahr 5615 (1854-1855) (1854)
Date
1854-01-01
Page
Seite 103 (sequence 212)
Language
German
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103 Sträflinge. Unsere alten Weisen sagen: die größten und bedeutendsten Liebeswerke sind diejenigen, die man den Todten erweiset, und diese Sträflinge sind die politisch und bürgerlich Todten. Was bleibt diesen elenden Unglücklichen „dieinDunkel und Finsterniß sitzen", denen die Sonne des Glückes untergegangen ist, als der Stern des Glaubens, der da erst um so lieblicher und beseligender sein Licht ausströmt. Es zeigt sich auch gar oft, daß Leute, die sonst dem Glauben ferne gestanden sind und die erste Zeit ihrer Strafe noch in der Gewohnheit fortleben, einzelnweise in die Fluthen der Religion tauchen und sich da erfrischen und erquicken. Wer es verstände diese Eindrücke zu bannen und festzubalten! Aber leider, wir verstehen es den Sonnenstrahl zu benützen, daß er das Bild auf der Quecksilberplatte sesthaUe; wer kann aber das Mittel angeben, wie die Strahlen des Geistes und des Gemüthes, die wir aus einer glühend eifrigen Seele entströmen lassen, in dem Herzen der Andern festgehalten werden. — Zunächst bleibt uns nichts Anderes als die Hoffnung, „es werden die Worte, die aus dem Herzen kommen, in die Herzen dringen," und, „daß der Tropfen am Ende den Stein durchhöhle". In frühern Zeiten hat die israelitische Kultusgemeinde in Wien, deren Wohlthätigkeitssinn weltbekannt ist, die in den k. k. Strafhäusern inhaftirten Israeliten während des Pesachfestes. Neujahrs, Vorabend und Nacht des Versöhnungstages verköstigt, sonst bestand keine Beziehung. Diese Verköstigung war mit bedeutenden Auslagen verbunden, auch entstanden dadurch manche Unzukömmlichkeiten in der Hausordnung und dadurch unliebsame Reibungen. Die Sträflinge, die als solche eben zeigten, daß die Gesetze der Menschheit und der Menschlichkeit keine tiefen Wurzeln in ihnen geschlagen haben, wurden durch die Strafe zumeist nur um so eigensinniger und hartnäckiger. „Ohne Belehrung verwildert das Volk," heißt es in der Schrift. Die zufällige Bekanntschaft des Sekretärs der Gemeinde, des Hrn. Dr. L. A. Frankl, auf dessen Anregung auch der Seder und der Gottesdienst für die Handwerkslehrlinge ins Leben gerufen wurde, mit dem Herrn Grafen k. 1. Coudenhoven, dem jetzigen Kreishauptmann in Wiener-Neustadt, welcher im Jahre 1847 Referent bei der k. k. Landesregierung in Strashausangelegen heiten war. veranlaßte die Frage, ob es nicht gestattet wäre, irgendwie aus die moralische Besserung der israelitischen Sträflinge einzuwirken. Es war das in der Zeit, als der Verein für entlassene Sträflinge entstand, wo man es fühlte, man müsse der gefallenen Seele die Möglichkeit verschaffen, in das bürgerliche Leben wieder einzutreten, und deshalb auch die Concession machte, daß man mit den Sträflingen kurze Zeit

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