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Ost und West · 1901-08-01 · Heft 8 (August 1901) · p. Seite 615 - 616

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 8 (August 1901)
Article
Hirtenliebe
Date
1901-08-01
Page
Seite 615 - 616 (sequence 3)
Language
German
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615 Peter Hille: Hirtenliebe. 616 kuh, die flüchtig ist in den Wäldern, dass Ihr meine Freundin nicht aufweckt noch reget, bis es von selbst ihr gefällt. Siehe, um das Bett Salomo's stehn sechzig Starke aus den Starken Israels. Und leicht nur wie der Schlummer der Schuld schläft das Schwert an ihrer linken Hüfte, aber jäh es emporfährt und klirrt, wenn die Rechte es sucht, fortzuleuchten die Feinde in dunkler Nacht. Und eine Sänfte Hess König Salomo machen. Silbern scheinen die Säulen, golden leuchtet der Himmel, wie ein purpurner Kelch blühet der Sitz, und der Boden ist wie die Wiese, wo die kleinen Blumen Deinen Fuss grüssen kommen aus herrlichem Grün, und des Granites glattes bluttropfiges Felsenherz den Grund giebt. Und so eilt hinan gen Sion, Ihr Töchter Jerusalems, und schaut an den König Salomo in seiner Krone, seines Hauptes leuchtendem Prunk, damit seine Mutter ihn gekrönt hat am Tage seiner Hochzeit, und da die Sonne schien der Freude seines Herzens. Aber eine ist meine Taube, meine Fromme, sie ist ihrer Mutter Liebste und des Vaters Augapfel. Da sie die Töchter sahen, priesen sie selig meine Braut, und Königinnen erhoben, Kebsinnen lobten die Erwählte meiner Seele. (Sulamith regt sich unmerklich.) Du bist schön, meine Freundin, wie der Karmel, lieblich wie Jerusalem, schrecklich wie die Spitze des Heeres. Wende Deine Augen von mir, denn sie entbrennen mich. Wer ist, die aufgeht wie ein Rauch und allerlei Würzen des Krämers! Meine Schwester, liebe Braut, Du bist ein erschlossener Garten und eine Quelle, über der ein Stein liegt. Stehe auf, Nordwind, und komme, Südwind, und wehe durch meinen Garten, dass seine Würzen triefen. SULAMITH: Mein Freund ist wie eine Traube Kopher in den Weinbergen zu En-gedi. Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes, denn seine Liebe ist lieblicher als Wein. DER FREUND: Wie Deine Stimme Dir verdorrt ist, versengt vom steinernen Brand grimmglüher Sonne, zornig wie das Antlitz des Wächters. Zartperlende Säfte aus kühlen, köstlichen Wunden und der Früchte duftendes Fleisch trachten Dich zu erquicken, (Schwingt sich eilends über die Weinbergsmauer.) DIE TOECHTER JERUSALEMS: Wo ist denn Dein Freund hingegangen? In seinen Garten zu den Würzbeeten, dass er atme ihren Ruch und Rosen breche, dass Du sie habest zwischen Deinen Brüsten? SULAMITH (schaut auf sich nieder, verklärt): Ja, wo die Myrrhen hingen! FREUND (ist zurückgekehrt, schüttet ihr die Früchte in den Schoss): O Du mein Würzgärtlein, Gieb meiner schmachtenden Nüster Deinen schwellenden Ruch, Ziehe meiner leuchtenden Thränen Schein Hinein in Deine beiden goldbraunen Augen. Der bebende West seufzt auf Alle errötend sich hebenden Knospen In Deinen Beeten. SULAMITH (der der Freund nun einzeln die Früchte bietet): Q Du mein schmerzlicher Garten — dass er sich darin ergehe! Dann richten sich auf alle Stauden, und alle meine Blumen sagen ihm ihre Düfte! Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Freund unter den Söhnen, ich sitze unter dem Schatten, der mich kühlt, und das Fleisch seiner Frucht ist meinen Lippen süss. Seiner Wangen rote Aepfel erfrischen meinen Gaumen und meine schmachtenden Lippen; seiner Blumen roter Ruch verjüngt mir die Seele. (Der Freund hat sich wieder in die Sonne gestellt, die über Sulamith fiel.) Seine Linke ruht unter meinem Haupte, und seine Rechte streichelt mich. (Die Augen fallen ihr zu.) Ich schlummere, aber mein Herz ist wach. (Sieht wieder auf und hinüber.) Meine Salben erwachen und duften stärker und grüssen die Deinen. Komm näher, mein Freund, dass man Deine gute Salbe rieche; Dein Name ist eine ausgeschüttete Narde; darum lieben Dich die Mädchen. Ziehe mich mit, so laufen wir. Der König holt mich in seine Kammer. Deine Liebe schmeckt feuriger als der Wein. Der Vater legte seine Hand Dir auf das Haupt, und siehe, es leuchtet.

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