Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 8 (August 1901)
- Article
- Hirtenliebe
- Date
- 1901-08-01
- Page
- Seite 617 - 618 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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617 Peter Hille: Hirtenliebe. 618 Und meine Seele sonnt sich. Ich wuchs auf an den Hängen wie die Traube von En-gedi, und meine Glieder sonnten sich. Und ist all ungestüme Süssigkeit. Und Du sollst trinken den Wein, den meine Rechte Dir keltert. Sie haben mich zur Hüterin der Weinberge gesetzt; aber meinen Weinberg, den ich hatte, habe ich nicht behütet. Mein Freund ist mein, und ich bin sein, und seine Herden gehn unter den Rosen, und wir ruhen allda, bis die Nacht den Tag kühle macht vor Thau und der Schatten in die Hänge sinkt wie ein müder Wanderer und weilt daselbst. Nun gehe heim, Du Licht meiner Seele, dass sie uns nicht finden zusammen, die schweifenden Wächter der Nacht. DER FREUND (tritt näher): Steh auf, meine Freundin, komm mit! Denn sieh', der Winter ist vergangen, der Regen ist vorüber. Die Blumen sind munter geworden, der Frühling ist da, und die Turteltaube girrt ihrem Gatten, und alle seine Federn schillern. Meine Taube in den Steinritzen, komm hervor! Fanget die Füchse, und den Jungen der Füchse legt Schlingen; denn unsere Weinberge haben Augen gewonnen. SULAMITH: Das ist die Stimme meines* Freundes. Siehe, er kommt und hüpft über die Höhen und läuft die Hügel hernieder. Wie ein Hirsch in den Wäldern setzt er heran. Siehe, er steht schon hinter unserer Wand und guckt durchs Fenster und schaut durch das Gitter. DER FREUND: Wer ist sie, die hinauffährt von der Wüste und Jauchzen trägt in Genezareths saftseufzende Gefilde? Wie schön ist Dein Gang in den Schuhen, Du Fürstentochter! Deine Lenden stehen gleich aneinander wie zwei Spangen, die des Meisters Hand gemacht hat. SULAMITH: Mein Freund ist mein und hält sich auch zu mir. Komm, mein Freund, lass uns auf da^ Feld hinausgehn und in den Dörfern weilen. Dass wir früh aufstehn zu den Weinbergen, dass wir sehn, ob der Weinstock blühe und Augen gewonnen habe, ob die Granatapfelbäume ausgeschlagen sind. Da sollst Du meine Brüste finden. Sage mir an, Du, den meine Seele liebt, wo Du weidest, wo Du ruhest im Mittage, dass ich nicht hin- und herziehn müsse bei den Herden Deiner Gesellen! Warum verfolgen sie so unsere Küsse? Was zieht meine Liebe so bloss durch die Gassen des Gelächters und sind alle Hunde hinter mir? [Töchter Jerusalems fangen an, sich langsam zu entfernend) Wärest Du mein Bruder von einem Herzen her, dann dürfte ich Dich küssen und keiner höhnte mich. Ich wollte Dich führen in meiner Mutter Haus, dass Du mich lehren solltest, was ich Davon Herzen thäte, hier wollte ich Dich tränken mit Trauben, die mein Finger zerquetscht und meine Hand Dir gekeltert. {Freund beugt sich über sie und kiisst Sulamith.) SULAMITH {mehr zu sich): Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes; denn seine Liebe ist lieblicher als Wein. [Dann richtet der Freund sie empor, und beide gehn langsam von dannen.) {Während des Schreitens sprechen sie, unter feierlicher Musik, getragen?) DER FREUND UND SULAMITH ZU¬ GLEICH: Setze mich wie ein Siegel auf Dein Herz und wie ein Zeichen auf Deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod und Eifer fast wie die Hölle. Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn. Dass auch viele Wasser nicht mögen die Liebe auslöschen, noch die Ström sie ersäufen! Wenn einer alles Gut in seinem Hause um die Liebe geben wollte, so gält1 es alles nichts. So galt1 es alles nichts.