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Ost und West · 1901-08-01 · Heft 8 (August 1901) · p. Seite 589 - 590

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 8 (August 1901)
Article
Eine Ghettostimme über den Zionismus
Date
1901-08-01
Page
Seite 589 - 590 (sequence 3)
Language
German
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589 Dr. Max Mandelstamm (Kiew): Eine Ghettostimme über den Zionismus. 590 Legion — lehnen sich die Zionisten mit aller Entschiedenheit und Entrüstung auL Wir wollen und werden das kämpfende Judentum des 20sten Jahrhunderts sein — wohlverstanden: ohne Kruppsche Kanonen und Panzerflotten. Mit offenem Visier werden wir für unser Volk und dadurch indirekt für die höchsten Güter der Menschheit einstehen. Wir werden zu den jüdischen Volksmassen hinabsteigen, um sie in freiere Regionen emporzuheben. Wir bedürfen keiner besonderen, neuen Heilsiehren, um unser Volk moralisch zu läutern; auch brauchen wir uns die Liebe zum Wissen und zur Erkenntnis nicht erst von andern eintrichtern zu lassen; daran haben wir nie Mangel gelitten. Unsere Waffen wollen wir uns einerseits aus der Rüstkammer der neuzeitlichen Kultur und Wissenschaft holen, zu deren enormem Aufschwung wTir unser Teil ehrlich beigetragen, — andererseits aber aus den vergilbten, halbvermoderten Talmudfolianten, diesen reichen Vorratsspeichern menschlicher Tugend- und Gerechtigkeitslehren; wir werden diese Schätze aus ihrer rauhen, versteinerten Kruste herausschälen, unserer Jugend als ethische Kost darbieten, auf dass aus ihr Männer, Charaktere erstehen, welche gefeit sind gegen Halbheit, Kleinmütigkeit und Feigheit, Gebresten die bis nun an Leib und Seele der Juden wie Geier nagen. . . . Unsere Menschenwürde wollen wir wiedergewinnen, und das können wir bloss dann, wenn wir sein wollen, was wir sind — Juden! Es klingt wie bittere Ironie und zeugt jedenfalls für eine sehr mangelhafte bona fides, für ein Ueberwälzen eigener Schuld auf fremde Schultern, wenn unsere jüdischen Gegner behaupten, dass eigentlich sie die modernen Makkabäer im Kampf gegen Uebermacht, Unterdrückung und Rassenhass seien,' während wir Zionisten das Hasenpanier ergreifen und nach Palästina flüchten wollen. Du grosser Gott! bei diesen Beschuldigungen und Verdächtigungen schwebt meinem geistigen Auge ein Bild vor, wo auf der grossen Heerstrasse, auf welcher alle Nationen und Natiönchen im freien Wettbewerb sich herumtummeln und austoben, der „ewige Jude", aus tausend Wunden blutend, an Händen und Füssen geknebelt, abseits vom Wege niedergestreckt daliegt, und der erste beste rumänische oder russische Bauernlümmel ihm im Vorübergehen mit seinem Thranstiefei einen neuen Rippenstoss versetzt und dieser zu Boden gestreckte Wurm ächzend und stöhnend ausruft: „Garn ze l'towo!" „Garn ze Ttowo!" („Auch das ist zum Quten!"). Ist das euer Makkabäertum, eure Tapferkeit, ihr edlen, klugen Ritter, wenn ihr aus geschützten Schlupfwinkeln den Qualen dieses Elenden zuschauet und in sein „Garn ze l'towo!" augenverdrehend einstimmet? Hoffet ihr wirklich durch dieses „gam ze" die Völker menschlicher zu machen? Ist das Tapferkeit, wenn schon der Gedanke, dass man euren russischen oder deutschen oder französischen Patriotismus verdächtigen und darum die euch als Gnadenbrot hingeworfenen Rechte schmälern könnte, euer Blut gegen eine Bewegung in Wallung versetzt, die mit dem Patriotismus absolut nichts zu schaffen hat? Wie reimt sich dieser euer zur Schau getragene Patriotismus einerseits mit eurer Allmenschheit andererseits? Und was versteht ihr denn eigentlich unter „Patriotismus", dass ihr so demutsvoll vor ihm den Hut ziehet? Glaubt ihr etwa, die Vaterlandsliebe sei ein immanentes, naturnotwendiges Gefühl, wie etwa das Hungergefühl, und nicht vielmehr her anerzogen durch eine laufende Reihe unzähliger Faktoren? Von der einfachen Anhänglichkeit zur Scholle, zur Heimat angefangen, einer Anhänglichkeit, die auch Tieren eigen und nur Gewohnheitssache ist, bis zur glühendsten Leidenschaft, für die man opferfreudig Gut und Blut einsetzt, kann dieser Patriotismus sämtliche Entwickelungsstufen durchmachen, je nach den unzähligen kulturellen und ethischen Imponderabilien, die ihn grosszüchten, je nach den gemeinsamen Zielen und Hoffhungen, denen wir in einem gegebenen Lande mit unseren Kompatrioten entgegenstreben, den Kämpfen, die wir zur Erlangung unserer sozialen Freiheit gemeinsam durchkämpfen. Diese Vaterlandsliebe kann aber auch umgekehrt bis zum Nullpunkt herabsinken, ja, in Groll und Hass ausarten, wenn, trotz meines ehrlichen Strebens, ich als Fremder, als Eindringling, als Schmarotzer an fremdem Leibe behandelt, wie ein Paria ausgestossen, verachtet, der primitivsten Menschenrechte beraubt werde und nicht die geringste Hoffnung hegen kann, dass es je anders werde. Niedrig ist es, in diesem Falle Vaterlandsliebe zu heucheln, und widersinnig, einen Kampf mit dunkeln Mächten aufzunehmen, die eine erdrückende Mehrheit bilden und meinen Appell an Menschlichkeit und Gerechtigkeit mit Kolbenschlägen erwidern. Wenn ich unter solchen Verhältnissen meinem Vaterland den

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