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Ost und West · 1901-08-01 · Heft 8 (August 1901) · p. Seite 591 - 592

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 8 (August 1901)
Article
Eine Ghettostimme über den Zionismus
Date
1901-08-01
Page
Seite 591 - 592 (sequence 4)
Language
German
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591 Dr. Max Mandelstamm (Kiew): Eine Ghettostimme über den Zionismus. 592 Rücken kehre und mein Zelt unter freierem Himmel aufzuschlagen trachte, so ist das ebensofeige, wie es seitens der Hugenotten feige war, nach Aufhebung des Nantes'schen Ediktes Frankreich zu verlassen und ihr Nest in Südafrika zu bauen. Merkwürdigerweise ist uns Zionisten der Vorwun der Feigheit und des Mangels an Patriotismus bis nun christlicherseits erspart geblieben und nur von unseren gegnerischen Glaubensgenossen gemacht worden, die, stets plus pape que le pape, ihre Vaterlandstreue nebst borniertem Unterthanverstand auf Schritt und Tritt hervorkehren. Oui s'excuse — s'accuse! Ganz ebenso steht es um die Bedenken jüdischerseits, dass die christliche Welt nie eine Besitzergreifung Palästinas durch die Juden dulden werde. Wie wisset ihr denn das, ihr klugen Leute? und habt ihr's denn schon versucht? Warum vermöget gerade ihr soviel aus der Schule zu erzählen, während die Christenheit, mit dem Papst an der Spitze, sich so gründlich darüber ausschweigt?! .... Die zionistische Bewegung ist, dank dem Häuflein entschlossener Männer, welche seit fünf Jahren ihre besten Kräfte dieser Volkssache widmen, in ein solch aussichtsvolles Stadium getreten, dass es wahrlich seitens unserer jüdischen Gegner unverantwortlich ist, ihr System der Bekrittelung, Verspottung und Verdächtigung fortzusetzen. Worüber eigentlich spottet ihr denn, wenn nicht über eure eigene Impotenz? Wenn ihr für euer Volk nichts leisten wollet oder könnet, wenn ihr bis jetzt trotz eures praktischen Sinnes, eurer Vorsicht und Superklugheit höchstens euer eigenes Schäfchen ins Trockene gebracht, der Lösung der Judenfrage aber nicht um einen Schritt näher gekommen seid, so wäre es doch am schicklichsten für euch — zu schweigen, anstatt einen jeden von den Zionisten erreichten Erfolg zu bemängeln, bekritteln und zu verkleinern. Durch euer Theoretisieren, durch eure in bequemen, weichen Sesseln angestellten Reflexionen über die zukünftige Verbrüderung aller Menschenkinder, über die vorläufige Mission der Juden, den Prügeljungen für die arischen Völker abzugeben, damit letztere an unsrer Demut lernen, echte Christen zu sein — durch all diese hohlen Theorien macht ihr Hungrige nicht satt und Sklaven nicht frei. Nur eine kühne That, eine unverdrossene, ehrliche Arbeit, ein Hineingreifen in die verzweifelt-traurige Wirklichkeit kann die Judenfrage einer Lösung näher bringen. Und je schwieriger die Lösung des Problems, desto energischer und aufopferungsfähiger sollten die intelligenten Köpfe des Volkes auftreten, wenn sie anders den Vorwurf eines totalen moralischen Bankrotts nicht auf sich laden wollen...... Vierzig lange Jahre hat Moses die Juden durch die Wüste geführt, auf dass er ihnen ihren Sklavensinn und ihre Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Aegyptens austreibe. Und als es ihm nicht gelungen, und als er einsah, dass noch fernere 3000 Jahre dazu nicht ausreichen dürften, da hat er das freiheitssprühende Gesetz geschaffen, wonach die langen Ohren der Sklaven, die frei werden können und nicht wollen, an den Thürpfosten anzunageln sind, damit sie für ewig gebrandmarkt bleiben. O Mosche Rabenu, grosser Meister! Ich sinke in den Staub vor deinem durchdringenden, Jahrtausende umfassenden Seherblick! ....

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