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Ost und West · 1901-08-01 · Heft 8 (August 1901) · p. Seite 587 - 588

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 8 (August 1901)
Article
Eine Ghettostimme über den Zionismus
Date
1901-08-01
Page
Seite 587 - 588 (sequence 2)
Language
German
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587 Dr. Max Mandetstamm (Kiew): Eine Ghettostimme über den Zionismus. 588 schellen könnte, mithin realisierbar; theoretisch ist der Zionismus eine soziale Lehre, welche auf 2000jähriger Erfahrung und Beobachtung beruht. Es wurde mit den Juden in sämtlichen Laboratorien der Welt herumexperimentiert. Die grässlichsten Vivisektionen nahmen und nehmen kein Ende und deshalb gründen wir, Zionisten, Vereine — Tierschutzvereine! — und rufen den Völkern zu: ,,Genug des grausamen Spiels, es muss anders werden! . . » Es giebt Menschen, die aus Furcht vor dem Tode einen Selbstmord begehen. Dass aber Menschen aus Lust zum Leben einen moralischen Selbstmord begehen — giebt's eine grössere Verkennung des Lebenszweckes und zugleich eine grössere Feigheit? Und diese Feigheit hat nicht sowohl die jüdischen Volksmassen, als gerade die wohlhabendsten und intelligentesten Kreise des Judentums ergriffen. Darin liegt unsere Volksschande. Der Auflösungs-undZersetzungs- Prozess innerhalb des Judentums geht jetzt erschreckend rasch vor sich. Dafür leben wir ja im Zeitalter des Dampfes und der Elektrizität. Das Fleisch des Mammuttieres, welches sich Tausende von Jahren unter der sibirischen Eiskruste frisch konserviert, zersetzt sich sofort unter Luftzutritt und Einwirkung von Mikroben. Die Eiskruste der Ghettomauern ist zum Teil eingeschmolzen und das Judentum einem rapiden Fäulnisprozess preisgegeben. Aus der Sklaverei des Leibes ist es in eine Sklaverei des Geistes verfallen. Mit dem langen „Kaftan" und den gekräuselten Schläfe-Locken wirft der Jude leichten Herzens auch sein jüdisches Gewissen über Bord, eignet sich alle Untugenden seiner 7 o o Umgebung an und entäussert sich aller guten Sitten, die seinen Stamm jahrhundertelang wetterfest gemacht hatten. Vom Gottesdienst und den religiösen Festen, angefangen bis zum Wechsel der Vor- und Familiennamen, bis zur Taufe, bis zu den krassesten sinnlichen Excessen, hat sich ein Teil des maassgebenden Judentums derart seiner Umgebung angepasst, dass man nicht recht weiss, worüber mehr zustaunen sei: über die falsche Legende vom kritischen Verstände der Juden, über ihre Nachahmungsfähigkeit, welche die Leistungen der entwickeltsten Affen überbietet, oder über ihre Selbsterniedrigung, welche sie zu widerlichen Hanswursten stempelt und gerade in denjenigen Kreisen verächtlich macht, in die sie sich hineindrängen möchten. Durch eine besondere Verirrung der Begriffe glaubt ein anderer Teil, und zwar der intelligenteste, des führenden Judentums, sich dadurch zu einer höheren Lebensauffassung emporzuschwingen, dass er sich in den Dienst der ganzen Menschheit stellt, Allmensch, Kosmopolit wird. Vor allen Dingen thut er nun diese Allmenschheit dadurch kund, dass er seine Provenienz verleugnet und unter fremder Spitzmarke auf die Arena tritt: ,,made in Germany!*6 Der grobe Denkfehler, den diese Denker begehen, besteht eben darin, dass das Allmenschtum überhaupt ein Unding ist, eine theoretische Abstraktion, ein Lichtenberg'sches ,»Messer ohne Klinge, an dem der Griff fehlt"; de facto also besteht der Kosmopolitismus dieser Herren bloss darin, dass sie sich, coüte que coüte, der sie beherrschenden Mehrheit ansehliessen, Russen, Polen, Deutsche, Franzosen Vierden, nur nicht Juden bleiben wollen, wobei es doch klar ist, dass sie bei dieser künstlichen Häutung blos vom Regen in die Traufe geraten; denn Franzosen allein, oder Russen allein, oder Deutsche allein machen ebensowenig die ganze Menschheit aus, wie Juden allein. Und da erleben wir nun das komisch-tragische Schauspiel, wie diese kosmopolitelnden Juden für alle Welt, für „die geistige und ökonomische Hebung des russischen Kazappen" oder des polnischen Bauern sich in Dienst stellen, Womöglich sogar für den Kongo- Neger, wenn kein anderer sich dazu hergiebt, nur für die Millionen darbender Stammesgenossen nicht . . . Dieses internationale Hausierertum soll eben geläuterter Kosmopolitismus sein; ich nenne es bewussten oder unbewussten Selbstbetrug. Dankbarkeit ist eine recht schöne Tugend. Wäre nun der Jude dafür dankbar, dass man ihm Wohlthaten erweist, ich würde es sehr beloben. Leider aber kennt seine Dankbarkeit selbst da keine Grenzen, wo man ihm teilweise bloss das wiedergiebt, was ihm von Rechtswegen gehört und was man ihm aus menschlicher Bosheit und Niedertracht jahrtausendelang vorenthalten hat. Eine solche Dankbarkeit, die sich obendrein durch eine totale Selbstentäusserung, durch ein Hinüberspringen ins feindliche Lager, durch ein Renegatentum manifestiert — ist Kriecherei. Wenn unsere vermeintlichen Gastgeber uns — Gott sei Dank! — nicht überall wie die tollen Hunde totschlagen, sondern bloss wie zahme Hunde behandeln — sollen wir ihnen dafür die Hand lecken? Gegen diejenigen Juden, die es thun, gegen solche Mollusken ohne Rückgrat, deren Zahl

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