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Ost und West · 1901-08-01 · Heft 8 (August 1901) · p. Seite 585 - 586

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 8 (August 1901)
Article
Eine Ghettostimme über den Zionismus
Date
1901-08-01
Page
Seite 585 - 586 (sequence 1)
Language
German
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585 586 EINE GHETTOSTIMME UEBER DEN ZIONISMUS. Von Dr. Max Mandelstamm (Kiew). Jedesmal, wenn ich über den Zionismus reden soll, beschleicht mich ein Gefühl der Beklemmuno; und des Unbehagens. Unsere Gegner sind, trotz allem, nicht zu bekehren; unsere Anhänger bedürfen kaum einer neuen Anregung; die grosse Zahl meiner Glaubensgenossen, welche von der zionistischen Bewegung schlecht oder überhaupt nicht unterrichtet ist, kümmert sich viel eher um die Zahl der bei den Buren erbeuteten Rinder und Transport-Wagen oder der auf Geheiss der kulturspendenden Mächte aufgeschlitzten Mandarinen - Bäuche, als um das Schicksal ihres eigenen Stammes, und nimmt kaum ein Blatt zur Hand, welches das Leben und Treiben desselben bespricht. Nichtsdestoweniger aber erfülle ich meine Pflicht und rede. Die zionistische Bewegung ist eine jüdische Volksbewegung, die immer grössere Kreise um sich zieht. Das Anwachsen derselben unterliegt nicht dem geringsten Zweifel und kann, wenn nötig, statistisch erhärtet werden. Es wäre mithin ebenso widersinnig, den Beweis ihrer Existenz-Berechtigung zu verlangen, wie es widersinnig wäre, vom Wildbach, zu verlangen, dass er nicht eher den Berg herabstürze, bis nicht der Beweis erbracht sei, dass da unten im Thal für ihn ein Flussbett in Bereitschaft liege. Der Zionismus existierte und existiert, ohne uns erst um unsere Einwilligung zu fragen. Der Zionismus hat seine Führer geschaffen und" nicht umgekehrt. An uns liegt es nur, nachzuweisen, warum er entstanden und vorhanden, ebenso wie es Sache des Naturforschers ist, dem mächtigen Schneefeld auf hohem Berg nachzuspüren, das den Ursprung und Sturz des Wildbachs bedingt. ■ Der Zionismus ist eine historische Notwendigkeit. Er ist die Notwehr eines Volkes, welches nicht sterben will und dennoch nicht leben kann, falls es unter jetzigen Verhältnissen weiter fortvegetieren müsste. Er bricht sich Bahn über Stock und Stein, über Geröll u nd durch Geklüft, und schafft sich ein Flussbett kraft des Gesetze der Schweres und. des geringsten Widerstandes. Die zweck- und ziellose Auswanderung der Juden nach aller Herren Ländern, welche faktisch seit zwanzig Jahren vor sich geht, hat die unglückselige Judenfrage nicht nur nicht gelöst, sondern r selbst da aufgerollt, wto sie bis nun entweder in ee- O 7 o ringem Maasse oder gar nicht vorhanden gewesen; diese Auswanderung soll durch den Zionismus in eine zielbewusste, allmähliche Besiedelung Palästinas, ihres einstigen Heimatlandes, umgestaltet werden. Anstatt überall eine beherrschte, geknechtete Minderheit zu sein, sollen die Juden auf eigenem Boden eine freie Mehrheit, in die Zahl anderer, sich selbständig auslebender Kulturvölker eingereiht werden, dadurch die ihnen gebührende Achtung sich verschaffen und indirekt die Lage und Stellung derjenigen Glaubensgenossen aufbessern, welche in ihren jetzigen Vaterländern zurückbleiben wollen und werden. Der Zionismus verlangt nicht, dass die 10 Millionen Juden, die auf der ganzen Erdkugel zerstreut leben, sämtlich nach Palästina übersiedeln, sondern dass die 10 Millionen Juden der ganzen Erdkugel denjenigen zahlreichen Stammesgenossen helfend beispringen, welche, unter den unmöglichsten Verhältnissen lebend, moralisch, geistig und körperlich verkommen müssen und zu Parias herabgedrückt werden. . . . Es hiesse die Geschichte der Juden verleugnen, ihr Martyrium in Vergangenheit und Gegenwart gänzlich ignorieren, wollte man — wie es leider bis jetzt geschieht! — den Zionismus als Verrücktheit, zum mindesten als Utopie stempeln und verschreien. Viel eher klingen utopistisch die Hoffnungen unserer gegnerischen Glaubensgenossen, die in ihrer Naivität von der alleinseligmachenden Kultur das Verschwinden nationaler und religiöser Vorurteile mit solcher Sicherheit erwarten. Kultur und moralischer Fortschritt bedingen sich gegenseitig durchaus nicht; während von ersterer mit grösster Entschiedenheit behauptet werden kann, dass sie Riesenfortschritte macht, lässt sich von der letzteren überhaupt nicht sagen, welche Richtung ihre Magnetnadel einschlägt; und nur von moralisch geläuterten, nicht aber von bloss kulturell fortschreitenden Völkern ist ein gerechter Ausgleich nationaler und religiöser Gegensätze zu erwarten. Sonderbarerweise waren die nationalen Gegensätze nie so zugespitzt, wie grade in der Gegenwart. Der Zionismus ist praktisch eine force majeure, die nicht an dem Widerstande der arischen Völker oder der Türkei, sondern einzig und allein an dem Widerstände der Juden selbst zer- **

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