Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 8 (August 1901)
- Article
- S. J. Kischinewsky
- Date
- 1901-08-01
- Page
- Seite 581 - 582 (sequence 3)
- Language
- German
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581 J. Sacker: S. J. Kischinewsky. 582 stalten, deren sehr geschickt gezeichnete Abbildungen ihr Lebtn und Treiben nGch rauf frekm Fuss" sehr deutlich zum Ausdruck bringen. Wir könnten fast mit Sicherheit feststellen, welcher Art die That gewesen war, die die Unglücklichen in diese „Vorhalle des Totenhauses" gebracht hat. Manche dieser Typen sind von geradezu frappanter Wirkung.1 Ebenso wie die bereits erwähnten sind auch die übrigen, demselben Ideenkreise und derselben Gefühlsquelle entsprungenen Pastell- und Aquarellbilder, deren [Aufzählung zu viel Raum einnehmen würde, dem russischen Volksleben entnommen, die verschiedenartigsten psychologischen und so2ialen Probleme zum Ausdruck bringend. Es ist dem Künstler als ein grosses jVerdienst anzurechnen, dass es ihm gelungen ist, unsere Sympathie und unser Interesse für diese Lebenserscheinungen zu erwecken. Denn er malt die mannigfachen Gestaltungen des Lebens einfach, ohne die Phantasie dabei mitspielen zu lassen, er malt sie, wie er sie sieht und mit seiner empfindungreichen Seele auffasst, und dies mag wohl der Grund sein, dass seine Bilder nie den Weg zur Seele des Beschauers verfehlen. Ist das Geschick der von ihm dargestellten Personen traurig und finster, so ist auch seine Darstellung in grau-schwarz gehalten. Und deshalb verstehe ich die russischen Kritiker nicht, die ihm daraus einen Vorwurf machen. Wer die grauen, düsteren Erscheinungen des Alltagslebens wiedergeben will, kann schwerlich den verklärten Hauch einer sonnigen Lichtsphäre auf seine Bilder heraufbeschwören. Er muss seinen Pinsel in Schwarz tauchen, weil das Elend der Wirklichkeit auch finster ist und weil natürlicherweise alle Tiefen dem Licht fern bleiben müssen. Wir möchten nicht den Gedanken aufkommen lassen, dass wir die vermeintliche Vorliebe des Malers für Schwarz-grau in Schutz nehmen: wir wollen aber nur hervorheben, dass dies keineswegs als Vorliebe, sondern vielmehr als Konsequenz seiner künstlerischen Richtung anzusehen ist. Wer wird z. B. Armut und Unglück mittelst der Farbenpracht eines Makkart wahrheitsgetreu darstellen können? Liegt nicht selbt über Murillo's „In der Sonne ruhendem Bettler" mehr Schatten als auf seinen Madonnen? Bildet auf den Arbeiter- und Bauernbildern der französischen Maler, die doch sonst in strahlenden LichtefTekten nach Herzenslust schwelgen, nicht das Schwarzgrau den Vordergrund? Und hat nicht Roll, der berühmte Autor des düsteren Cyklus: „Streik", „Arbeit" und „Krieg", anderweitig die verschwenderischste Farbenpracht kunstvoll zur Anwendung gebracht? Wer wird denn eine pittoreske Gegend des Morgenlandes, eine Szene aus dem Landleben oder das Portrait einer Salondame in dekorativer Beziehung mit den Bildern sozialen Elends vergleichen wollen? Im Gefängnisse, in Spital und Kneipe werden leider die farbenreichen Lichteffekte in abgrundtiefe Finsternis umgewandelt. Wer also ein Kunstwerk nicht nur nach seiner effekterregenden, prunkenden Seite beurteilt, sondern sein Wesen, seinen Inhalt, die Individualität des Künstlers darin sucht, wer mit seiner Seele in die Seele des Bildes hineindringt, wird vor diesen Bildern tief erschüttert und festgebannt dastehen, denn der Künstler hat es verstanden, seine Werke voll und ganz in Gefühlsatmosphäre zu tauchen und ihren warmen Hauch darüber zu breiten. Und doch .... Wie hoch wir auch das schöne Talent des Malers Die Bittschrift. Xach einem Oelgemälde von S. J. Kischinewsky.