Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 8 (August 1901)
- Article
- S. J. Kischinewsky
- Date
- 1901-08-01
- Page
- Seite 583 - 584 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2583876-2583885-2609171--00725-2609235- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
583 J. Sacker: S. J. Kischinewsky. 584 preisen, können wir doch nicht umhin, einen Vorwurf zu äussern, der eher den Menschen in ihm als den Künstler betrifft. Es wäre seine völlige Gleichgültigkeit dem Judentum gegenüber. Merkwürdigerweise hat er, selbst Jude, kein Auge für jüdisches Leid. Und doch ist ja kein Land mehr als Russland dazu geeignet, die mannigfaltigsten Gradationen und Schattierungen unseres Russischer Jude. Originalzeichnung von S. J. Kischinewsky. Märtyrertums zu liefern. Hätte Kischinewsky unter den russischen Juden kein analoges Beispiel zu seinem geistig und moralisch verkrüppelten Menschen, zu seinem ..Verkommenen" finden können? Weiss er unter seinen Glaubensgenossen keinen, der mit den glänzendsten Fähigkeiten begabt, von idealstem Streben beseelt, hohen Zielen zueilte, und unter dem Druck der Verhältnisse zusammensank und unterging? Wüsste er niemanden ausser dem Russen, der, Weib und Kind im bitteren Elend zurücklassend, in den Krieg zog, um sein Leben zu opfern, er, der gepeinigte Stiefsohn des Landes, das von ihm alle Opfer eines liebenden Kindes verlangt. Hat er nie unter den verurteilten "„Bedrängten" einen Juden gesehen, der doch wohl auch mit in das „Totenhaus" geraten sein muss? Oder sollte unser Künstler, dessen Individualität doch selbst das Produkt der ausgebreiteten und differenzierten Kultur ist, nur in dieser Beziehung die russische, in Litteratur und Kunst herrschende Strömung sich fern halten wollen? Denn die Litteratur hat schon lange aufgehört, einen Menschen als ethnographischen Typus, als Charakteristikum einer gewissen Gegend aufzuweisen; sie befasst sich jetzt mit dem Menschen als solchem, als Individuum, dessen innere Organisation auch eine Welt ist, eine Welt mit kalter und heisser Zone, mit bekannten und unentdeckten Gefühls- und Gedankenregionen. Auch die neueste russisch-jüdische Litteratur liefert uns eine ganze Reihe wertvolLer Genrebilder aus dem jüdischen Volksleben mit all' seinem Streben und Kämpfen, seinen Freuden und Qualen. Giebt es denn in Odessa, wo er seinen festen Wohnsitz hat, keine Juden, die der empfindungsreichen Seele des Künstlers ein tieferes Interesse einzuflössen vermochten, als das, welches er in Bildern wie: „Der betende Jude" und „Der Jude im Talles" zum Ausdruck gebracht, die nur als bildliche Vorstellung des Judentums dienen können, aber keinen Einblick in seine Seele gewähren? .... Wir geben uns der Hoffnung hin, dass Kischinewsky mit seiner Vorliebe zu dunklen Farben sich bald mehr diesen „aus aller Lichtwelt Ausgewiesenen" zuwenden wird .... sHr^^rw$^^^^^:^^^^t£rw:irw %z*s :ts"w Üt-^-s $r**s *v pfalm Weinend sassen wir an Babels Wassern, sehnsuchtzitternd schaute Unser Herz gen Zion, — — stumm hing An den Weiden uns're Harfe: Frohsinn wollt ihr seh'n, ihr Wächter? Zions Lieder wollt ihr hören? — Nimmermehr im fremden Lande Tönt das Preislied uns'res Gottes! Lechzend klebe mir die Zunge An dem Gaumen, und es welke 137/) Meine rechte Hand, vergäss' ich Jemals dein, Jerusalem. — Mög' auch Gott nicht dein vergessen, Edom, und Vergeltung üben Für den Tag Jeruscholayims, Das in Trümmer du verwandelt, Und da uns'rer Kinder Häupter Lachend du am "Stein zerschmettert-- — Heil dem, der Vergeltung übet Auch an dir einst, Tochter Babels! *) Im Versmass der bekannten Heine'schen (dritten) Strophe übersetzt. E. Simonson.