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Ost und West · 1901-08-01 · Heft 8 (August 1901) · p. Seite 579 - 580

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 8 (August 1901)
Article
S. J. Kischinewsky
Date
1901-08-01
Page
Seite 579 - 580 (sequence 2)
Language
German
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579 J. Sacker: S. J. Kischinewsky. 580 U ilt ■ .? r;f s begab und sein Künstlerauge an den grossen Werken der Meister bildete — zogen ihn am meisten die traurigen und finsteren Bilder der Arbeiter- und Bauerntragik von Millet, Bastian Lepage, L'hermitte, wie auch Israels und Max Liebermann's schöne Volksbilder an. Worin finden wir die Erklärung hierzu? Liegt sie in der geheimen Sphäre der Individualität des Künstlers und seiner schöpferischen Kraft, oder vielmehr im intimen Trieb des Juden, seine Sympathie, infolge hier nicht zu erörternder Gründe, immer nur der Welt der Bedrängten zuzuwenden? Und erklärt sich nicht aus der angeborenen Eigenschaft des Juden, das Geistige dem Materiellen vorzuziehen, der Umstand,dassKischinewsky immer nur die subjektive Seite des behandelten Sujets wiedergiebt, seine Gefühle und Stimmung, mit einem Worte seine innere Welt? Denn es ist überhaupt ein Kennzeichen der jüdischen Künstler — wohin sie auch ihre Thätigkeit gelenkt haben mögen —, dass bei ihnen der Inhalt einer behandelten Frage, sozusagen ihre Seele, weitaus die Form überwältigt, dass die Innendem er nun für alle Zeiten auf die Menschen herabblicken wird. Auf einem anderen Bilde „Der Invalide" ^finden wir Einen, der durch die unheilvollste Einrichtung der Menschheit — den Krieg — zum Krüppel geworden ist. Sollte er auch fortan Charakterfestigkeit und Kraft genug besitzen, um sich im weiteren Leben aufrecht zu erhalten und nicht abm->r v r i i <*w^ f; f 1/4V¥f ' v *--\M seite die äussere beherrscht. Denn der Schwerpunkt der künstlerischen Schaffensfähigkeit der Juden liegt in ihrer treuen Wiedergabe der Gefühle und Gedanken des Individuums. Einige Bilder des Malers verdienen besondere Erwähnung: „Ein Verkommener" zeigt uns den Typus eines vernünftigen, gebildeten Menschen, der in der gesellschaftlichen Hierarchie immer tiefer und tiefer herabsinkt, bis er endlich in jene Tiefen des menschlichen Elends hinabgestürzt ist, die Maxim Gorky jetzt mit so erschütternder Gewalt schildert. Er ist ein Invalide geworden, ein von dem Geleise der normalen, geregelten Verhältnisse Abgerutschter. Von allen seinen früheren Eigenschaften, die dazu angethan waren, aus ihm ein nützliches Glied der Gesellschaft zu machen, blieb nur der Stolz übrig, mit Kischinewsky in seinem Atelier. Auf seiner Staffelei ein Oelbild -Interessanter Roman' wärts zu steigen — so ist es doch mit seiner Leistungsfähigkeit als thatkräftiges soziales Individuum zu Ende. Wer das russische Leben überhaupt und seine rauhe Gesetzlosigkeit in seinen Dörfern »speziell kennt, wird dem „Nach dem Gericht" betitelten Bilde seineBewunderungnicht vorenthalten können. Wie da die zwei armen Bauersleute — Mann und Weib —, von fernem Dorfe hergekommen und nun müde, sonnenverbrannt und erschöpft mit dem Papier in der Hand sich an einen Polizisten wenden, um von ihm Aufklärung in ihrer Not zu erbitten. Den Moment, wo die Aermsten demütig und gebeugt vor dem vermeintlichen Gerechtigkeitsdiener stehen, und wo letzterer ihnen gegenüber eine stolze, selbstbewusste Haltung hervorkehrt, hat der Künstler wunderbar zur Darstellung gebracht. „Die Bittschrift* zeigt uns die traurige Lage, in die eine Frau durch das rohe, abnorme Verhältnis der Geschlechter zu einander gerät Sie hat ihren Gatten oder Liebhaber in seiner Kneipe aufgesucht, um von ihm ein paar Groschen für die im Hause hungernden Kinder zu erbitten. Nun hat aber der zärtliche Familienvater das Geld für sich selber verbraucht und hat noch obendrein seine Frau, die ihm vielleicht deswegen einige Vorwürfe zu äussern wagte, tüchtig durchgeprügelt. Ein Advokat, der zufällig in die Kneipe hereinkam, hört ihrer traurigen Erzählung aufmerksam zu. Ein anderes Bild „Das Gefängnis" zeigt uns Ge-

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