Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 8 (August 1901)
- Article
- S. J. Kischinewsky
- Date
- 1901-08-01
- Page
- Seite 577 - 578 (sequence 1)
- Language
- German
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577 578 S. J. KISCHINEWSKY. Ein jüdischer Maler. Von J. Sack er, (Odessa). Der Künstler S. J. Kischinewsky ist im Jahre 1863 als Sohn eines jüdischen Schriftstellers geboren. Aehnlich wie sein Vater, der seine litterarische Thätigkeit ausschliesslich auf das Gebiet jüdisch-nationaler Typen konzentrierte, wandte sich auch der junge Kischinewsky der Sphäre des Volkslebens zu, wobei er aber seinen hohen Kunstsinn nicht in die Schranken seiner eigenen Nationalität einengte, sondern darüber hinaus auf das weitere Gebiet russischen Lebens hinausging. Eine ganze lange Reihe von Zeichnungen wie auch Oel- und Aquarellbildern bezeugt deutlich die Richtung, die der junge Maler in seiner künstlerischen Laufbahn mit Vorliebe eingeschlagen hat. Denn es sind immer entweder einzelne Typen oder ganze Szenen aus dem Leben der sogenannten „Bedrängten und Verstossenen", die er vor die Augen der Welt hinstellt. Diese Unglücklichen, denen der Druck der sozialen Verhältnisse ein ganz eigenartiges psychisches wie auch physisches Cachet aufgeprägt hat und die mit Recht die Parias der Gesellschaft genannt werden können, haben schon seit Jahrzehnten das Interesse der bedeutendsten russischen Schriftsteller auf sich gelenkt und den Hauptgegenstand aller Vorkämpfer in der Kunst bekannten jüngeren Maler gebildet. Es ist zweifelsohne, dass diese nach zwei Richtungen — Litteratur und Kunst — aussehende Strömung auf . «. : w ' / £ * * Ein Verkommener. Studie von S. J. Kischinewsky. Betender Jude. Studie von S. J. Kischinewsky. die Individualität des Künstlers ihre "Wirkung nicht verfehlt hatte, um so mehr, da dieselbe in seinem Jünglingsalter, also in der Zeit der zartesten Gemütsempfänglichkeit, am stärksten zum Ausdruck kam. Doch beweist dies nur, dass die genannten Faktoren zur Anregung und Ausbildung seiner angeborenen Sympathien beigetragen, aber keineswegs sie erzeugt haben. Warum wäre er sonst nicht auch dem damals schon obwaltenden Realismus auf allen Gebieten der Kunst verfallen? Von allen Malern — auch christlichen Glaubens — die, wie er, von der Wirkung der litterarischen und künstlerischen Werke beeinflusst worden sind, ist er, so weit es uns bekannt ist, fast der einzige, der mit seinem bedeutenden Talent in den Dienst der Verstossenen und Obdachlosen tritt. Schon als er nach glänzender Absolvierung einer provinzialen Zeichenschule sich 1882 nach München, Rom und Paris