Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 8 (August 1901)
- Article
- Ludwig Jakobowski
- Date
- 1901-08-01
- Page
- Seite 573 - 574 (sequence 7)
- Language
- German
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573 Dr. Theodor Lessiag: Ludwig Jakobowski. 574 O deutsches Land, du schlimmes Land, Was schenkst du deinem Knaben? Zum Leben eine Handvoll Sand Und Sand auch zum Begraben. Da musste er sich schon in früher Jugend herumschlagen mit den Zweifeln und armen Grübeleien, mit den heissen Trieben und mit Brotsorgen, die wie grosse Heere grauer Spinnen auf uns loskriechen und uns in Netze einspinnen, dass wir keine Sonne sehen. Später kamen dann die protzenhaften Gönner und verständnislosen Verehrer, denen man noch demütig danken muss, und die kakozelischen Feuilletonjuden, welche ihre Federn als Waffe gebrauchen, heimlich unterdrücken und öffentlich mit ihrer „Anerkennung" kompromittieren. Das tiefe Elend unserer verächtlichen Presswirtschaft ... Da ward er hineingezogen, frühreif durch frühes Leiden; auf dem Berliner Litteraturmarkt mitwirkend mit jener zarten Ehrlichkeit, die immer nur die eigene Haut zu Markte tragen kann . . . Er suchte die seltene schlichte Wärme, die Kameradschaft ehrlicher Menschen, treu wie er selber. Und dafür tausend Surrogate: weltstädtische Erregungen, prätentiöse Frauen mit verborgenem Dirnengeiste, glückliche oder unglückliche Liaisons, „dionysische Räusche" genannt — nur nicht die einfach starke Leidenschaft, die ein ganzes Mannesleben ausfüllen und heiligen kann. Sein letztes Buch war noch wie sein erstes ein Ruf nach Glück. Es behandelte wie alle früheren das Elend eines Erniedrigten, und zwar war es hier das Elend der verschmähten reinen Liebe, die zu Hass und Rache wurde, bis sich langsam, langsam ihre Läuterung zu grosser Vergebung vollzieht. — Ich citiere ein paar schöne Zeilen: Meine „liebe Sorge1* nannt ich dich, Meine Sorge warst du bitterlich. Manchmal hat ein Traum mich übermannt Und ich sah dich dann in fremdem Land. Und ein trauriger Cypressenbaum Rauscht gewiss in deinen letzten Traum. Endlich vergass ich Liebe, Leid und Last, Die Schmach blieb leben, grenzenlos gehasst, Sie lebt in mir, sie hasst in mir. Vor dieses letzte Bekenntnisbuch schrieb er den Spruch: Es war wie Sterben, als ich's lebte, Es war mir Tröstung, als ich's schrieb; Wer je in gleicher Bängnis lebte, Der nehm es hin und hab es lieb. Er war weder fertig, noch hatte er resigniert. 5. Die Rassenerfahrung war bei diesem Dichter das typische Erlebnis: Der Kampf der Mischung der notbedingten jüdischen Eigenart mit den reinsten Elementen der germanischen Natur. Alle andere Erfahrung krystallisiert um diesen Kern. Bis hinein in die naive Liebeslyrik zittert jene unruhige Gärung. Als er das goldene Kreuz seiner ersten Liebe küsst, denkt er sogleich an seine Ahnen, die vielleicht auf dem Scheiterhaufen sterben mussten: der Mönch mit dem Kreuze davor. Die Geliebte legt sein Bild in ihr Gesangbuch; nun grübelt er wieder darüber nach, wie jetzt er, der verlassene Jude, im christlichen Dome mitsingen werde. . . . Eine sehr vornehme Dame liebte ihn. Diesem kleinen Roman verdankte er seine bedeutendsten Gedichte. Die Art nun, wie er dieses Liebesglück auskostet, lässt die Einmischung der in langen Leiden eingeätzten sozialen Gefühle erkennen. Einer starken Liebe kommt die soziale Aussenseite eines menschlichen Bundes nicht zum Bewusstsein; wenigstens weiss das Gefühl nichts davon. Hier aber treiben hinter dem Liebesaflekt noch tiefere Unterströmungen, die ihn plötzlich unterbrechen, ganz erschreckend, ganz unvermittelt. Er giebt sich dann fast wie Rachedurst oder wie Triumph eines lange Unterdrückten, oder wie leise Bitterkeit, die sich nun nicht mehr recht freuen und doch nicht vergessen kann und misstrauisch ist in aller Hingabe. Wenn die Geliebte einen ungeschickten Bauernknecht zu unfreundlich grüsst, so zuckt der Liebende zusammen, oder er findet einen „Witz der Weltgeschichte" darin, dass das Blut, das vor ihm sich demütigt, einst seine Ahnen misshandelt habe. Nur ein so wunder, kranker Stolz sieht in der Liebe noch Demütigung. Bei jedem anderen Dichter würde es uns wie leise Renommage des Emporgekommenen verletzen, wenn er von den Schlössern, den Schmucksachen oder der Komtessenschaft der Geliebten spricht. Detlev Liliencron mag allenfalls mit seiner „kleinen Komtesse" junkerlich renommieren; ihm «steht das. Aber schon bei Karl Busse sieht es halb unvornehm-unritterlich, halb dummejungenhaft aus, wenn er seine Poussage mit einer Baronesse in Gänsefüsschen lyrisch auskostet. Bei Jakobowski ist die Empfindung thatsächlich kompliziert und von vornherein durch einen tieferen Konflikt beunruhigt; ein Stückchen Seele ist noch unfrei; die lange -Nacht hinterliess eine Spur. 6. Im letzten Lebensjahre hob sich bei Jakobowsk eine letzte Liebe heraus: Goethe. Ein dunkelgewöhnter, lastenschleppender Jude und ein glückverwöhnter heller „Renaissancemensch"; der immer wühlende Ahasver und der beruhigte' Apolliniker — keiner war ihm ursprünglich entlegener, und doch, das liebte er, dahin wollte er. So sass er denn tagaus tagein an seinem Schreibtische oben in der WTilhelmStrasse im lauten Berlin und machte Auszüge aus Goethe und schickte billige Volkshefte ins Land hinaus. Es wurde sein Lieblingstraum, dass in jedem deutschen Bauernhause neben der Bibel und dem Gesangbuche ein Bändchen Goethe, zum Preise von zehn Pfennigen, liegen werde. Es war die Tragik dieses Mannes, dass er zu lange in die Opposition gedrängt wurde. Wer nicht voll anerkannt ist, kann nur sehr schwer anerkennen. Alle „Kritik44 vollends ist nur Daseinskampf und aus gepressten Juden müssen neue Pressjuden werden. Aber auch die Kunst ist in manchem Leben nur Notausgang. Ich glaube an Ludwig Jakobowski's Berufung. Er war gross und schön und zur Kunst geboren. Aber es wirkten doch spätere Motive ein, die den reinen Künstlerwillen krampfhaft machen und die gedeihliche Selbstbesinnung, die Bescheidung und reife Gerechtigkeit stören, weil sie jede Entwickelung künstlich verfrühen. In glücklicherem Boden und bei grosser* Ruhe hätte jedes Werk langsamer reifen, aber im einzelnen sich vollenden können .... Unter uns deutschen Juden dürfen nur Erlesene ihr Leben dem Dichterlose hingeben. Die Konflikte,