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Ost und West · 1901-08-01 · Heft 8 (August 1901) · p. Seite 571 - 572

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 8 (August 1901)
Article
Ludwig Jakobowski
Date
1901-08-01
Page
Seite 571 - 572 (sequence 6)
Language
German
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571 Dr. Theodor Lessing: Ludwig Jakobowski. 572 Ich weiss, wenn all mein Thun Zu Ende geht, Dass meines Namens Spur Wie Rauch verweht, Dass meiner Lieder Duft v\'ie Hauch vergeht, Und kamen doch von Herzen Wie ein Gebet. — 4. Die neuere Lyrik Jakobowski's ziehe ich den Erstlingsgedichten nicht vor. Er war künstlicher und bewusster geworden: freilich verstand er nun auch das Geheimnis der Konzentration. Von Stefan George, dem Erben Platen's, hatte er das Herausholen des einen erregenden Momentes gelernt . . . . Der junge hochgespannte Ideologe der alten Schule, in fliegender Begeisterung für Schiller glühend, stimmte sich bewusst strenge zum Künstler herab. Und doch war nicht dieser Artistenfleiss das beste an Jakobowski: das beste waren Naturlaute, die nur durch Geburt und Leben erworben werden, und die niemand sich anschulen kann. Es war die tiefe, leise Zartheit seiner Lyrik. Die subtilsten Kunstwerke sind nicht so sylphenhaft. Das künstliche, raffinierte Veilchenparfüm hat nie solche Zartheit wie der Duft eines ganz kleinen natürlichen Veilchens. Ich liebe Jakobowski innig, wenn er anspruchslos schlicht seine kleinen Freuden, eine Erinnerung an die Kindheit, ein Stückchen verklärte Gegenwart in scheinbar kunstlose Verse bringt. Wir wandelten still durch die sonnige Heide In tiefem Sinnen zum Städtchen zurück. Altweibersommer webte wie Seide Dir blitzende Fäden ins blonde Genick; Ein Kätzlein huschte grad zwischen uns beide. Wem ist's zum Leide? Wem bringt es Glück? Ein lieber leiser Humor aus gutem goldenen Herzen bricht durch diese leiderfahrenen Verse; etwa wenn er schildert, wie er am heissen Sonntagnachmittage vom Fenster aus vor der Hausthüre seine Wäscherin Marie stehen sieht und neben ihr einen Berliner Grenadier, und nun bewundert der gute kleine Jakobowski den langen, strammen Bengel und die breiten Schultern des kräftigen Mädchens und meint innig: Ach, das gab' ein gutes Paar, Dass sie Gott zusammenführe, Segen gab' es Jahr für Jahr. Unser Land braucht Grenadiere. . . . Die ganz jungen, zarten Mädchen versteht er gut in seinem Kinderherzen: Die Eltern im Bette schliefen tief, Als hinter dem Walde der Kukuk rief. Da horchte sie still zum Fenster hinaus: „Liebster, wie lange bleibst du noch aus?" Die Augen lachten in blauem Glanz. — Sie küsste das Brüderchen, ihren Hans. oder das kleine dämliche Mädchen hört er plappern: „Und der Nachbarssohn, der Rupprecht, Wie oft der des Tages kam, Denn wir spielten in dem Hausflur Immer Braut und Bräutigam. Und der grüne Puppenwagen, Das war unser grösstes Glück. Unsre Kinder schliefen drinnen, Meine Puppen, dreizehn Stück." Das ist das yertrauende, treue Gemüt; liebenswürdige Seele. Es ist ihm Waffe und Stärke. Er spricht nie wie ein Moralist, sondern er versteht alles und verzeiht alles, und auch Laster und Fehler begreift er mitleidend: „Und ich lese Blatt für Blatt. Eine unbekannte Seele Ringt aus Sünde sich und Fehle, Und flas Herz wird doch nicht satt. Keiner, der dein Köpfchen nahm, Der dein Elend mitgelitten, Bis der Tod mit harten Schritten An dein junges Lager kam. Wüsst' ich, wo dein Hügel steht, Ueber Länder, Ström' und Brücken Wollt' ich meine Sehnsucht schicken." Echter Volkston konzentriert oft einen langen Roman in ein paar "Worten: „Beugt sich mein Mann Zu mir hernieder, An dich denk' ich dann Und küsse ihn wieder, Und träume in seinen Armen so hin, Und muss dann weinen Wie schlecht ich bin.4* . . . Frühzeitig hatte Jakobowski einen Freund an Karl Busse. Ihm widmete er die ersten Gedichte. Der gutbegabte, freimütig raisonnierende, frische blonde Jüngling hatte das ganze Herz des zarteren, stillen Freundes. Busse hat später Jakobowski skrupellos angegriffen mit der lauten UnVornehmheit eines neidvoll ehrgeizigen Litteraten; Jakobowski schwieg vornehm still Ausser den analysierten Erlebnissen arbeitete an der Lyrik Jakobowski's noch intimere Erfahrung. Sie trieb ihn noch mehr in sich hinein und machte tief. Aber in ihr lag noch mehr die Gefahr schleichender Bitterkeit und die grosse Klippe dieser zarten Lyrik, allzuviel Wehleidigkeit. — Jakobowski's Liebesleben war nicht naiv, weil es nicht glücklich war. Oft klagt er wohl, was er leidet, aber öfter täuscht er sich etwas vor. Sein mächtiges, impulsives Temperament forderte starke, gewaltige Leidenschaft. Doch er war nicht schön oder stattlich. Mit der Selbstironie, die aus einer Wunde kommt, wie der Blitz aus zerrissener Wolke, schildert er sich übertrieben „halb Affe, halb Faun, mit Negerstirn' und dicker Kalmückennas'". Er stiess zudem mit der Zunge an, seine „K-Tragödie", dass er im Leben nie ordentlich habe „Küssen und Kosen46 sagen können.*) Nur die neun platonischen Trösterinnen liebten treu; aber wir haben Erdenliebe nötig. Der Dichter kann wie das Kind nur in einer Atmosphäre von Wohlwollen gedeihen. Da klagte er denn: Was giebst du mir, du deutsches Land, Für meine reichen Gaben? O schütt' mir Liebe in die Hand, Nur Liebe möcht' ich haben. *) Ein reizender kleiner Zug, den eine Zeitung von einem in Breslau gehaltenen Vortrage Jakobowski's berichtet hat, darf hier vielleicht vor dem Vergessen bewahrt werden. Jakobowski las in einem Vereine seine Gedichte vor und brachte die Verse ausgezeichnet zum Verständnis. Unter den ihn Beglückwünschenden fand sich noch ein eindringlicher Litterarurfreund mit einigen verständnislosen Worten ein. „Herr Jakobowski, Sie haben Ihre Sache wirklich sehr gut gemacht. Es war grossartig! Es war wunderschön, es war ganz famos! Und Sie haben gar nicht gestottert dabei." »Das ist na-na-natürlich", sagte Jakobowski, „ich sto-sto-stottere nur, wenn der, mit dem ich spre-spre-spreche, — mir unsympatisch ist!"

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