Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 8 (August 1901)
- Article
- Ludwig Jakobowski
- Date
- 1901-08-01
- Page
- Seite 575 - 576 (sequence 8)
- Language
- German
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575 Dr. Theodor Lessing: Ludwig Jacobowsky. 576 durch die wir hindurch müssen und an denen die meisten zu Grunde gehen werden, können nur in ganz selbstsicheren und zweifellosen Talenten und nur durch sonnenklare, starke, durchdringende Intelligenzen überwunden werden, ohne dass die edelste Seele Flecken ansetzt. Und Glück gehört vor allem anderen dazu, viel Glück. — Wir sollen einen ehrenhaften Grabstein uns erwerben mit doppelt soviel Kraft und doppeltem inneren Rückhalt, als ein Künstler, der im Boden eines altvererbten festen Volkstumes eingeboren, eine uralte Tradition schlicht empfängt und fortpflegt, nicht aber unter Schmerzen in neue Kulturen hineinwachsen und ihnen als Ferment dienen muss. Auch an Jakobowski sehen wir die peinliche Tragik, dass ein kerndeutscher, kindlich naiver Dichter die ganze Naivität des Schaffens darüber einbüssen kann, dass er in die Lage versetzt wird, sein Deutschtum auch noch ausdrücklich ausweisen und durch unkeusche Beteuerung unterstreichen zu müssen. In einer so bedrängten Seele staut sich die lebendigste Anschauung und frischeste Regung immer wieder an der dunklen Begleitvorstellung: „Du kannst machen was du willst, du gehörst doch nicht mit dazu." Du kannst viel deutscher sein und das Erhabene oder Innige der deutschen Volksseele in deiner Persönlichkeit lebendiger verkörpert tragen, als der echteste Oberbayer oder Niedersachse mit fanatischem Parteideutschtum und Heimatstendenzen, du wirst doch als Fremdling behandelt, künstlich isoliert und zum Asiatismus gedrängt werden. Du gehörst nun einmal zu den Gemiedenen, du bist Opposition und musst es sein, oder dich entwürdigen und verzehren lassen. So wird die unkünstlerische Tendenz und das moralistische Pathos dem Künstler notwendig aufgedrängt, und alles ist vielleicht Heimatsehnsucht, Pietät, Ehrfurcht, Familiensinn, Konservativismus, Sesshaftigkeit in seiner Seele. Gerade eine Natur wie die Jakobowski's ist vielleicht die deutscheste unter allen -modernen Lyrikern gewesen. Es ist kein Paradoxon, dass gerade die grossen Deutschen von jüdischer Abkunft das Wesen des deutschen Volkstumes am innigsten ergreifen und am reinsten aussprechen müssen. Es ist das etwa, wie wenn virulente Bakterien, die in einem alten Organismus, der sich an sie gewöhnte, überhaupt nicht mehr bemerkbar zu machen sind, in einen neuen Organismus gelangen und nun alsbald gewaltig aufleben. In diesen jüdischen Deutschen aber muss derselbe Zwiespalt entstehen wie in der Seele Heine's. Die Verbindung von bisher geschiedenen (im Kerne übrigens nahe verwandten) Elementen, die noch keinen neuen, festen Niederschlag fassten, sondern noch explosibel gären als ein labiles Gemenge, macht die deutschen Dichter von jüdischer Abkunft dem Psychologen stets interessant. Keiner von ihnen kann schon die Vollendung eines neuen-Typus bilden und als Vorbild nachgeahmt werden--solche Nachahmung wäre verhängnisvoll und nicht wünschenswert. Sie sind eben Spezifika; einzelne, von dem interessanten Reize einer Rassen- und Kulturkreuzung. An den Kreuzungen aber studiert man am besten das Wesen der Rasse. Rembrandt, der wahrscheinlich .halbjüdischer Abkunft war, ist uns heute der typische Niederdeutsche; wie etwa in Paul Heyse's Dichtung ein spezifisch deutscher Kern liegt. / So waren die Juden Gambetta, d'Israeli oder Manin die edelsten Patrioten Frankreichs, Englands und Italiens. Jakobowski war deutsch, so durch und durch wie Heine oder Börne oder Auerbach. Er lebt in der deutschen Literaturgeschichte fort als die kreuzehrliche, treue, lautere. Seele, wie ihn Clara Viebig gezeichnet hat in ihrem Romane: „Es lebe die Kunst." Auch ein junger Dichter, Herr Otto Reuter aus Oldenburg, hat über ihn eine kleine Monographie in diesem Sinne geschrieben. Und doch zeigte sich die Tragik dieses Lebens bis zuletzt. Noch der Sterbende musste für sein Deutschtum um Anerkennung und Erlaubnis ringen. Als Berthold Auerbach starb, der als erster das inaugurierte, was man heute mit dem tristen Schlagwort „Heimatkunst" bezeichnet und der nun unter den Schwarzwaldtannen seines Heimatdorfes begraben liegt, da sagte er auf dem Sterbebette unter Thränen: „So hätte man nun sein ganzes Leben als Deutscher gearbeitet und seinem Volke ein Stück Kultur geschenkt und nun heisst es zuguterletzt: Schieb ab, Jud', du gehörst nicht dazu." — Dies wurde zum Schlüsse auch dem armen Jakobowski noch gesagt und zwar durch Herrn Adolf Bartels, dessen litterarische Kompetenz sich auf der Thatsache aufbaut, dass er im selben Nest die ersten Höschen trug, in dem auch der arme Hebbel geboren zu werden das Unglück hatte .... Es ist die tristeste Wahrheit der Psychologie, dass Tm Dichter wie in keinem anderen Menschen die Heimat, die frühesten Associationen, das Vaterland und die Herkunft für das Leben bestimmend werden — aber das fällt nicht ins Bewusstsein und hat das Bewusstsein des Schaffenden gar nichts anzugehen. Unsere Deutschesten waren Kosmopoliten oder lebten im Geiste in einer ganz fremden Kultur, in Griechenland oder in Indien. Unsere Undeutschesten aber haben es niemals an parteifanatisch deutschtümeliger Allokution fehlen lassen. Die letzten Worte, mit denen Ludwig Jakobowski von der Erde Abschied nahm, lauten: „Unter der Ewigkeit der Gestirne ein Stündlein spazieren gehen, ein Leid zu eigenem Heil fromm verarbeiten, ein bisschen Poesie erleben und, wenn's Gnade ist, auch niederschreiben, seine Kraft in Gelassenheit wachsen lassen und nach bestem Können seiner Nation hingeben ... es ist wirklich gescheiter und macht innerlicher, als faule Kämpfe mit Gegnern bestehen, deren Wafien nicht ganz mensurrein sind. Ob Herr Bartels mich einen Deutschen nennt oder nicht, ist gleichgültig. Darüber zu entscheiden gebe ich niemandem das Recht. Darüber entscheidet allein das Leben, sein Inhalt und seine Thaten. An meiner Thür ist ein Sprüchlein Goethe's angenagelt. Das sage ich mir so oft her, dass es sich wie von selbst hier einstellt: Hätte Gott mich anders gewollt, So hätt' er mich anders gebaut; Da er mir aber Talent gezollt, Hat er mir viel vertraut. Ich brauch' es zur Rechten und Linken, Weiss nicht, was daraus kommt; Wenn's nicht mehr frommt, Wird er schon winken. —