Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1901-07-01 · Heft 7 (Juli 1901) · p. Seite 549 - 550

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 7 (Juli 1901)
Article
Revue der Presse.
Date
1901-07-01
Page
Seite 549 - 550 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
table
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2583876-2583884--00704-2609145
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

549 Revue der Presse. 550 Neue Freie Presse, Wien. (10. Juli 1901.) Das «Grabdenkmal für Heinrich Heine. Der Aufruf, welchen das Komitee freisinniger Bürger zur Bekränzung des Heine-Denkmals kürzlich veröffentlichte, hat seine Wirkung nicht verfehlt. Das freisinnige Wien beteiligt sich mit grossem Eifer an der Aktion des Komitees, welche bekanntlich dahin geht, das neue Grabdenkmal Heinrich Heine's, das der dänische Bildhauer Professor Hasselriis geschaffen hat, noch in diesem Jahre, und zwar Ende Oktober, in Paris aufzustellen. Hasselriis wurde zu seinem Werke durch eine sinnige Aeusserung der verewigten Kaiserin Elisabeth angeregt, die gelegentlich der Aufstellung der Heine-Statue im Achilleion auf Korfu, deren Schöpfer ebenfalls Professor Hasselriis ist, erfolgte. Ist es nun dem Komitee freisinniger Wiener Bürger durch besonderes Entgegenkommen des Künstlers auch ermöglicht, mit den Arbeiten zur Aufstelluug •des Monuments vorzugehen, so fehlt ihm doch noch ein erheblicher Betrag zur Bestreitung der dem Künstler erwachsenen Selbstkosten. Es muss die erfreuliche Thatsache konstatiert werden, dass die bei den einzelnen Komiteemitgliedem bereits eingelaufenen Spenden sich von Tag zu Tag vergrössern, so dass begründete Aussicht vorhanden ist, binnen kurzem die erforderliche Summe aufzubringen. Das neue Grabdenkmal Heinrich Pleine's, das des grossen Dichters würdig ist, wird auch ein Denkmal des Freisinnes in der Bürgerschaft Wiens für ferne Zeiten bilden. Darum mögen sich alle, die den Dichter verehren und den Freisinn hochhalten, in freudiger Sammelthätigkeit vereinigen! Jeder Beitrag sei willkommen! Beiträge nimmt die Administration der „Neuen Freien Presse" entgegen. Zurücksetzung jüdischer Lehrerinnen. In Frankfurt a. M. soll die städtische Schuldeputation unter Berufung auf ein altes Ministerialreskript sich geweigert haben, mehr als vier jüdische Lehrerinnen anzustellen. Zwei jüdische Damen aus hochachtbaren Familien hatten — so schreibt das „Berl. Tgbl." — das städtische Seminar besucht; nach bestandener Prüfung wandten sie sich an den Stadtschulrat wegen Anstellung im Gemeindeschuldienst. Als Antwort stellte man den beiden Damen die Frage, ob ihnen vor dem Eintritt ins Seminar gesagt worden sei, dass sie als Jüdinnen keine Aussicht auf städtische Anstellung hätten. Ein merkwürdiger Zufall will nun, dass gerade jetzt ein Antrag auf Herstellung eines Neubaues für ein Lehrerinnenseminar vorliegt, für dessen Bau- und Betriebskosten auch die jüdischen Steuerzahler aufzukommen haben. Vor der Bewilligung dieser Summe werden die auf Toleranz haltenden Stadtverordneten wohl Gelegenheit nehmen, sich über dieses veraltete Ministerialreskript auszusprechen, und den Magistrat veranlassen, für die Aufhebung des Reskripts Sorge zu tragen, wenn anders er auf den Neubau nicht verzichten will. Die „Danziger Zeitung" schreibt unter der Ueberschrift „Ein jüdischer Divisionsgeneral": „Dr. Jacques Nissim Pascha ist soeben zum Divisionsgeneral in der türkischen Armee ernannt worden. Er ist der erste Jude, welcher zu diesem hohen Range befördert wurde und hat nur in Vizeadmiral Dr. Elias Pascha seinen Vorgänger, welcher in der kaiserlichen türkischen Marine schon seit längerer Zeit einen ähnlichen hohen Posten bekleidet. Generai Nissim Pascha ist im Jahre 1850 geboren und gehört •einer vornehmen Familie in Saloniki an." Die Berliner „Deutsche Zeitung4* bemerkt hierzu: Für den nächsten griechisch-türkischen Krieg dürften sich die Aussichten der Hellenen bessern!..... Kölnische Zeitung (2. Juli): Ueber den Staub als Krankheitserreger berichteten kürzlich zwei französische Stabsärzte in einer hygienischen Fachzeitschrift. Der Janus, ein internationales Archiv für Geschichte der Heilkunde und für medizinische Geographie, brachte in seiner Nummer vom 15. April d. J. einen Auszug aus ihrer Abhandlung. Sie betrifft die Seltenheit der Lungenschwindsucht bei den Juden in Tunesien. Das Klima von Tunesien ist im ganzen sehr gesund. Das Land liegt zwischen der gemässigten und der heissen Zone, hat freie Luftbewegung und eine fast andauernde vStrömung von der See her. Dennoch ist die Tuberkulose unter den Arabern und Europäern sehr häufig. Die Araber hatten von Anfang 1895 bis Ende 1899 eine Sterblichkeit an Tuberkulose von 11,3 auf tausend, die Europäer von 5,13. Dagegen hatten die dort wohnenden Juden eine solche von nur 0,75 auf tausend. Dieser grosse Unterschied zwischen Arabern und Juden kann nicht auf einem Unterschiede der Rasse beruhen, denn beide sind Semiten, und doch neigen die Araber so sehr zur Erkrankung an der Lungenschwindsucht. Die ärmeren Juden in Tunesien haben dieselbe Lebensweise und gemessen dieselben Speisen wie die Araber; die reicheren folgen ganz den europäischen Gebräuchen. Nur in einem Punkte weichen die Juden ab von ihren semitischen und arischen Mitbürgern: an jedem Tage werden, sogar bei den ärmsten Juden, alle Teile der Wohnung mit nassen Lappen gereinigt, vielfach mehrmals am Tage. Der bei den Arabern und Europäern übliche trockene Besen ist bei den Juden Tunesiens unbekannt. Ferner ist die Menge des bei jenen umherfliegenden Staubes bei diesen dadurch vermindert, dass in den jüdischen Wohnungen die Zahl der Möbel, Vorhänge und Teppiche viel geringer ist als in den mit solchen Dingen überhäuften Häusern der Europäer. Sollte selbst die Bedeutung des Staubes als Träger der Tuberkelbazillen und so als Erreger der Lungenschwindsucht in diesem Falle übertrieben werden, und sollten andere gleichzeitige Ursachen übersehen sein, so enthält doch die Beobachtung und die daraus gezogene Schlussfolgerung der beiden französischen Aerzte unzweifelhaft einen guten Teil von Berechtigung. Sehr bezeichnend ist folgende Meldung der Frankfurter Zeitung aus Shanghai, Anfang Juni, mit der Spitzmarke: „Ueberall Missionare": Kürzlich machte ein Missionar wiederholte Versuche, einige in dem hiesigen öffentlichen Garten spielende israelitische Kinder zu bekehren. Dies führte auf jüdischer Seite zu einem energischen Protest in der „North China Daily News"; zugleich fordert der Einsender den Stadtrat von Shanghai auf, derartige Versuche zu untersagen. In derselben Zeitung lässt sich nun „ein Chinese" vernehmen, dessen Worte man der freundlichen Beachtung aller Missionsgesellchaften empfehlen kann. Er sagt: „Jeder Chinese, der das Eingesandt des Herrn Edward Ezza gelesen hat, muss die grösste Sympathie für die hiesigen Israeliten empfinden, die keine Bekehrungsversuche an ihren Kindern wünschen. Gemeinsames Ungemach erzeugt Hinneigung zu einander; Leute, die Zahnschmerzen haben, lachen sich nicht gegenseitig aus, sondern suchen sich zu trösten. Der Versuch eines einzelnen Missionars, jüdische Kinder zu seinem Glauben zu bekehren, bringt die hiesigen Israeliten sofort in Harnisch. Wie viel mehr Grund haben aber wir Chinesen, über die Hunderte von Missionaren ungehalten zu sein, die über unser ganzes Land zerstreut sind! Wenn der öffentliche Garten kein ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.