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Ost und West · 1901-07-01 · Heft 7 (Juli 1901) · p. Seite 547 - 548

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 7 (Juli 1901)
Article
Revue der Presse.
Date
1901-07-01
Page
Seite 547 - 548 (sequence 1)
Language
German
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547 REVUE DER PRESSE. 548 Zu der vielerörterten Frage, ob der Generaldirektor der „Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Aktien-Gesellschaft", Herr Ballin, zu einem Ministerposten ausersehen sei oder nicht, schreibt die „Frankfurter Zeitung" (28. Juni) das folgende: Man denke sich doch einmal einen jüdischen Herrn wie Ballin als preussischen Minister, nicht nur im Staatsministerium und in den damit verbundenen gesellschaftlichen Beziehungen, sondern — was wichtiger ist — im preussischen Herrenhause und vor dem Abgeordnetenhause. Dort würden ihm im besten Falle die Freisinnigen und ein Teil der Nationalliberalen vorurteilslos gegenüberstehen, hoch gerechnet hundert Mann. Bei den übrigen dreihundertdreiunddreissig hätte er auf eine Aufnahme, Beurteilung und Behandlung zu rechnen, um die er nicht zu beneiden wäre und •der er sehr bald erliegen würde. Man denke sich einen solchen Minister, der doch nicht nur Ressort-, sondern auch Staatsminister ist, z. B. persönlich anwesend bei einer Debatte, in der der Herr Justizminister unter dem Beifall von neun Zehnteln des Hauses auseinandersetzt, weshalb er jüdische Rechtsanwälte nur spärlich zu Notaren macht und dabei eingesteht, dass ausser seiner Verwaltung überhaupt kein anderes Ressort einen jüdischen Assessor übernimmt. ... Es giebt mehr als einen Beweis dafür, dass Wilhelm II. keine antisemitischen Vorurteile hat. Aber in der Regierung, die sich vor der parlamentarischen Mehrheit fürchtet, sowie in der Verwaltung herrschen sie oder werden wenigstens berücksichtigt. Mag der Kaiser denken, wie er will, es wird kein jüdischer Einjähriger Unteroffizier und soviel wir wissen auch seit Jahren nicht — natürlich in Preussen — Reserveoffizier. Und nun sollte ein Mann, dessen Söhne es nicht zum Leutnant der Reserve oder zum Regierungsassessor bringen könnten, im gegenwärtigen Preussen Minister werden? Münchener Neueste Nachrichten. Bei Gelegenheit des 80. Geburtstages des Geh. Hofrates Dr. Siegmund Ritter v. Henle frischt das citierte Blatt die Erinneiung an merkwürdige Zustände auf, die, wie man sieht, nicht so gar weit zurückliegen. Es heisst da: „Die Heirat des Dr. Henle im Jahre 1850 war die Veranlassung zu der durch Bankier J. v. Hirsch's Vater beim König Max II. befürworteten Aufhebung der sogenannten Matrikel-Verordnung, wonach der 29jährige Advokat, weil er Israelit war, noch nicht an der Reihe und noch nicht berechtigt gewesen wäre, zu heiraten." Neue Badische Landeszeitung (Mannheim, 5. Juli). Unter der Spitzmarke „Jüdische Bauern" schrieb kürzlich die Korrespondenz des Bundes der Landwirte: „Wenn es •auch heute schon verschiedene reiche Juden giebt, die sich zur Besserung ihrer sozialen Stellung den Luxus eines Rittergutes geleistet haben, so giebt es mit nur ganz vereinzelten Ausnahmen keine Juden als ausübende Landwirte. Diese Thatsache findet ihre Erklärung darin, dass der Jude jede Arbeit scheut, die erstens mit körperlichen Anstrengungen verbunden ist und die zweitens so wenig lohnend ist wie die landwirtschaftliche.'1 — Hiergegen hat sich Rabbiner Dr. Münz in Gleiwitz an die genannte Korr. mit einer Zuschrift gewendet, die in folgenden Sätzen gipfelt: „Kommen Sie zu uns nach Oberschlesien und sehen Sie, wie bei uns die Juden als Schlosser, Klempner, Tischler, Steinmetze, Schneider, Schuster und in anderen Handwerken in angestrengter körperlicher Arbeit ihre Tagewerk verrichten. Wir Deutsche jüdischen Glaubens sind von der tiefgehenden Sehnsucht erfüllt, durch die moralische sittliche Kraft rechtschaffener Arbeit in treuer Gemeinschaft mit unsern Mitbürgern an dem Ausbau der allgemeinen Wohlfahrt mitzuwirken und zur Heilung der sozialen Schäden unseres Zeitalters beizutragen. Noch eins. Wir leben hier unweit der Dreikaiser-Ecke, und da liegen die weiten galizischen und russisch-polnischen Gebiete jenseits der schwarz-weissen Grenzpfähle unsera Augen näher. Dort aber erblicken wir eine sehr grosse Anzahl von Juden, die in schwerster körperlicher Arbeit als Bergarbeiter in den Petroleumgruben, als Lastträger u. dergl. ihr kümmerliches Dasein fristen." Kölnische Volkszeitung. Aus einem Bericht über einen Vortrag des Rechtsanwalts Dr. Bodenheimer über Judentag und Zionismus: Der Zionismus sei der natürliche Bundesgenosse aller der Bestrebungen, die auf die moralische und physische Kräftigung des jüdischen Volkes gerichtet seien, der Kampf um die Erhaltung und Wahrung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden stehe hier an erster Stelle; darum träten die Zionisten auch für den Judentag ein. Die Juden seien in Preussen nicht vorwärts, sondern rückwärts geschritten, aber nicht durch die Schuld der Zionisten, sondern jener Assimilationsfanatiker, welche bereit gewesen seien, um den Preis eines religiösen Falscheides sich Professuren und Staatsämter zu erkaufen. Zwischen dem Geschäftschristentum solcher Streber und dem selbstbewussten Judentum sollte das Tischtuch zerschnitten werden. Die Hamburger Nachrichten schreiben in einer Korrespondenz aus Christiania vom 13. Juni: Es sind heute 50 Jahre her, dass das Storthing die Grundgesetzveränderung, durch welche das Verbot wegen Aufenthalts von Juden im Reiche aufgehoben wurde, debattierte und annahm. Es haben sich indessen nur wenige Juden hier im Lande angesiedelt. Noch so spät wie 1875 gab es nur 34- Juden in Norwegen, und heutigen Tages finden sich im im ganzen nicht sonderlich über 200 hier im Lande.

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