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Ost und West · 1901-07-01 · Heft 7 (Juli 1901) · p. Seite 533 - 534

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 7 (Juli 1901)
Article
Eine Glaubens-Tragikomödie
Date
1901-07-01
Page
Seite 533 - 534 (sequence 2)
Language
German
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533 J. Zangwill: Eine Glaubens-Tragikomödie. 534 „Warum wenden Sie sich nicht an Ihren eigenen Geistlichen?'* frag er. „Ich habe keinen,'4 sagte der Mann halb entschuldigend. „Ich für mein Teil glaube an nichts. Aber Sie wissen ja, wie die Frauen sind!" Der Rabbiner lächelte, stellte aber die Schwäche des andern Geschlechtes nicht in Abrede. „Betsy geht fast jeden Sonntag in eine oder die andere Kirche; manchmal ist sie vom Gottesdienst schon zurück, bevor ich noch aufgestanden bin, und solange nur das Frühstück zur Zeit fertig ist, kümmere ich mich nicht weiter darum. Ich frage sie über nichts aus, und dafür lässt auch sie meine Seele in Ruhe — seit den letzten zehn Jahren wenigstens, seit die Kinder da sind, die sie belehren kann. Wir kommen sehr gut miteinander aus, die Frau, ich und die Kinder. Oh, und jetzt ist's mit alledem zu Ende," schloss er schluchzend. „Aber, mein guter Freund," protestierte der Rabbiner, „Sie begehen trotzdem, wie ich Ihnen bereits erklärte, einen Irrtum. Sie wissen nichts von Religionen; was aber Ihr Weib braucht, das ist jemand, der ihr von Jesus spricht, oder ihr das Sakrament giebt oder die Beichte oder irgend etwas derartiges — denn ich muss gestehen, dass ich mir über die Formen des Christentums nicht sehr klar bin; und ich habe weder Hostien noch irgend dergleichen bei mir. Nein, ich könnte es nicht thun, selbst wenn ich wollte. Meine Stellung wäre gefährdet, wenn es bekannt würde. Und abgesehen davon kann ich wirklich nicht. Ich wüsste nicht, was zu sagen, und wenn ich es selbst wüsste, könnte ich meine Zunge nicht dazu bringen." „Ach, Sie glauben aber doch an etwas?" Der Mann liess in seinem Jammer nicht los. „Hm! Ja, das kann ich nicht leugnen," versetzte der Geistliche; „aber es ist nicht dasselbe „etwas", an das Ihre Frau glaubt." „Sie glauben an einen Gott, nicht wahr?" Den Rabbiner verdross es ein wenig, so über die Grundelemente seiner Religion ausgefragt zu werden. „Selbstverständlich!" erwiderte er ärgerlich. „Also! Ich wusste es ja," rief triumphierend der Mann. ,,In unserer Werkstatt thut es keiner; aber Geistliche sind ja natürlich anders. Wenn Sie aber an einen Gott glauben, so ist das doch genug, nicht? Sie sind dann beide religiöse Menschen." „Nein, es ist nicht genug — wenigstens für Ihre Frau nicht." „Nun schön, aber Sie müssen sich's doch nicht merken lassen, nicht wahr? So lange Sie nur von Gott sprechen und dem Papst aus dem Wege bleiben. Sie wird es nie erfahren, Herr, und sie wird glücklich sterben. Und ich habe meine Pflicht gethan. Sie flüsterte mir noch zu, das arme Ding! dass ich nur keinen Römischkatholischen bringen soll. Mir scheint, ich hörte sie einst sagen, dass die noch ärger wären als die Juden. Oh, ich denke nicht so, Herr. Sie wissen genau, dass Sie nicht römisch-katholisch sind?" schloss er ängstlich. „Ganz gewiss." „Also, Herr, dann wollen Sie das übrige im Dunkel lassen, nicht wahr? Es befiehlt Ihnen doch niemand zu gestehen, dass Sie an andere Dinge glauben als sie." „Ich werde keine Lüge sagen," versetzte der Priester in bestimmtem Tone. „Sie haben mich hierher gerufen, um Ihrem sterbenden Weibe Trost zu spenden, und ich werde meine Pflicht thun, so gut ich kann. Ist dies das Haus?" „Ja, Herr, ganz oben unter dem Dach." Der Rabbiner überwand eine letzte Regung von Misstrauen und sah vorsichtig ringsumher, um sich zu vergewissern, dass er unbeobachtet sei. Vorurteilslosigkeit gehörte nicht zu den stärksten Seiten seiner Herde, und sein Vorgehen war zweifelsohne ein verdächtiges. Selbst wenn sie die Wahrheit erführen, war er gar nicht sicher, ob sie sein Beten mit der sterbenden Christin nicht als Blasphemie betrachten würden. — Dass er aber Mut besass, das musste der ihm lassen, der ihn diese schwarze, übelriechende, endlose Treppe hinaufklimmen sah. Endlich befand er sich in einem düstern, von einer Oellampe ein wenig erhellten Dachstübchen. Ein abgezehrtes Weib lag, die Augen geschlossen, auf einem Eisenbett, mit den erkaltenden Händen die der „bekehrten" Kleinen, eines Knaben von zehn und eines Mädchens von sieben Jahren umfassend, die in ihren Nachthemdchen schluchzend zur Seite standen. Der Doktor beugte sich zu dem Kopfende des Bettes, und über die kahle Wand breiteten sich die unförmigen Schatten der Gruppe. Er hatte — ohne Ploffnung auf Bezahlung — gethan, was er konnte, um die letzten Augenblicke der armen Frau zu erleichtern. Es war ein dickköpfiger, weit-

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