Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1901)
- Article
- Eine Glaubens-Tragikomödie
- Date
- 1901-07-01
- Page
- Seite 531 - 532 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2583876-2583884-2609067--00679-2609136- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
531 532 EINE GLAUBENS-TRAGIKOMOEDIE. Von J. Zangwill. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen von Charlotte Stein. Es fehlte nicht viel zur Mitternachtsstunde, als in einer blühenden Handels-Binnenstadt, deren schmutzige Hintergassen von Armut und Frömmigkeit strotzten, ein Mann in weichem Filzhut und weisser Halsbinde über eine den schwarzen, angeschwollenen Fluss überspannende Brücke nach Hause eilte. Er hatte den Zug versäumt; doch obwohl er nicht gerne so spät noch auf der Gasse gesehen wurde, war er nicht in der Lage, sich kurzweg einen "Wagen mieten zu können. Plötzlich verspürte er ein Zerren an seinem langen schwarzen Rockschoss. In undefinierbarer Angst, desto definitiverem Zorne aber wandte er sich rasch um. Der atemlose, zerfahrene Mensch in grober Kleidung, der ihn gepackt, lockerte den Griff. „Entschuldigen Sie, Herr — ich bin so stark gelaufen," stammelte der Fremde, indem er die harte Hand keuchend auf die Brust legte. „Was giebt es? Was wünschen Sie?" fragte ungeduldig der Herr. „Mein Weib liegt im Sterben," stiess der Mann hervor. „Thut mir sehr leid," murmelte der Herr, der eine gewöhnliche Strassenbettelei erwartete, ungläubig. „Ein furchtbarer plötzlicher Anfall — dieser letzte — vor einer Stunde hat er begonnen." „Ich bin kein Arzt." „Nein, Herr, das weiss ich. Ich brauche auch keinen Arzt, der ist schon dort und giebt ihr nur noch zehn "Minuten Zeit. Ich bitte Sie, kommen Sie mit mir." „Mit Ihnen? Ja, was kann ich Ihnen denn helfen?" „Sie sind ein Geistlicher?" „Ein Geistlicher!" wiederholte der andere. „Ja — nicht wahr, Sie sind einer?" Der Träger der weissen Halsbinde sah verlegen drein. „Ja—a—a", stotterte er. „In — in gewisser Weise. Aber ich bin nicht die Art Geistlicher, die Ihre Frau brauchen wird." „Nicht?" sagte der Mann in schmerzvoller Verblüffung. Dann mit plötzlich erschreckter Stimme: „Sie sind doch kein katholischer Geistlicher?" „Nein," lautete die bestimmte Antwort. „Oh, dann ist's schon recht!" rief der Mann erleichtert aus. „Kommen Sie mit mir, Herr, um Gottes willen. Lassen Sie uns keine Zeit vergeuden. " Flehende Angst drückte sich in seinem Blick aus. Aber der Priester zögerte noch immer. „Sie begehen einen Irrtum," murmelte er. „Ich bin kein christlicher Geistlichen" Und er wandte sich, um seiner Wege zu gehen. „Kein christlicher Geistlicher!" rief der Mann in einem Ton, als wollte er sagen „kein schwarzer Neger!" „Nein — ich bin ein jüdischer Priester." „Das macht nichts," unterbrach ihn der Mann, bevor er noch den Satz beenden konnte. „Wenn Sie nur nicht katholisch sind. Oh bitte, verlassen Sie mich nicht, Herr!" —mit kläglich gebrochener Stimme — „gehen Sie doch nicht wieder fort, nachdem ich Ihnen fünf Minuten lang nachgejagt habe — ich bemerkte von weitem Ihre vornehme Kleidung — Sie entschuldigen, Ihren Rock und Hut — gerade als ich aus dem Hause trat. Kommen Sie mit mir zurück," flehte er, als er den Juden zögern sah. „Oh! Um der Barmherzigkeit willen, kommen Sie jetzt gleich mit, und wir können alles auf dem Wege besprechen. Ich weiss, dass ich zu dieser Nachtstunde keinen zweiten Priester mehr auftreiben kann.'4 Der Tonfall des Mannes war ein so durchdringender, seine Angst eine so augenscheinlich aufrichtige, dass der wohlwollende Priester wenigstens der Aufforderung, mitzukommen, nicht widerstehen konnte. Er würde ja immer noch Zeit haben, sich zu entscheiden, ob er das Haus betreten solle oder nicht, ob der Fall ein echter sei oder eine blosse Falle, hinter der Raublust oder Schlimmeres noch steckte. Der Mann schritt auf kürzestem Wege quer durch das Armenviertel, dessen wüstes Aussehen das Vertrauen des Rabbiners nicht steigerte. Er dachte daran, was seine Herde wohl sagen würde, wenn sie ihren Priester in solcher Gesellschaft sähe. Er war ein junger, unverheirateter Rabbiner, und der Ruf eines solchen in den provinzialen Judengemeinden, die von religiösem Schnickschnack überfliessen, ist wie der eines unbewachten hübschen Waisenmädchens.