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Ost und West · 1901-07-01 · Heft 7 (Juli 1901) · p. Seite 535 - 536

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Journal
Ost und West
Volume
1 (1901)
Issue
Heft 7 (Juli 1901)
Article
Eine Glaubens-Tragikomödie
Date
1901-07-01
Page
Seite 535 - 536 (sequence 3)
Language
German
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535 J. Zangwill: Eine Glaubens-Tragikomödie. 536 herziger Ire, ein römischer Katholik, der sich Wissenschaft und Religion, so gut es gehen wollte, in Einklang zu bringen bestrebt war. Der Gatte befragte ihn mit einem Blicke, in dem Wahnsinn lag. „Es ist noch nicht zu spät,4' erwiderte der Arzt. ,.Gelobt sei Gott!*' versetzte der Atheist. „Betsy, mein Mädchen, hier ist der Geistliche." Von dem Antlitz der Sterbenden schien die Wolke zu schwinden und ein schwacher Sonnenstrahl darüber zu gleiten; langsam öffneten sich ihre Augen, ihre Hände lösten sich von den Kindern und falteten sich zum Gebet. „Jesus Christ —" begannen die Lippen mechanisch. Den Rabbiner überlief es in heisser Verwirrung; er zitterte vor Erregung. Er wusste nicht, was er sagen sollte, wie automatisch zog er ein hebräisches Gebetbuch aus der Tasche und begann das Totenbett-Bekenntnis in der englischen Uebersetzung, die auf jeder zweiten Seite stand, vorzulesen. „Ich bekenne, o Herr, mein Gott, und Gott meiner Väter, dass Tod und Genesung in Deiner Hand liegen . . Während er las, bewegten sich die sterbenden Lippen und murmelten ihm die Worte nach. Wie oft hatten diese weissen Lippen gebetet, dass die halsstarrigen Juden Gnade finden und von der Verdammnis erlöst werden mögen; wie oft hatten diese armen rauhen Hände in die Bekehrungs-Sammelbüchsen die Plennige geworfen, die sie mühsam nicht vom Haushaltungsgelde, sondern vom eigenen Munde zusammengespart hatte. Und das Gebet tönte fort, in gleichförmigen, klagenden Lauten, die das heisse, düstere Bodenstübchen mit seinem Oelrauch durchzitterten, und die weinenden Kinder in heiliger Scheu verstummen Hessen. Ehrerbietig, von den widerstreitendsten Empfindungen zerrissen, stand der Atheist daneben) glücklich, dass das arme thörichte Geschöpf seinen Wunsch erfüllt gesehen, und gefoltert von dem Gedanken, ob es so lange leben werde, um den Betrug zu entdecken. In seinem übervollen Herzen war kein Raum für persönlichen Kummer. „ . . . Gieb mir den Pfad des Lebens zu erkennen; in Deiner Gegenwart herrscht volle Freude; zu Deiner Rechten sind ewige Seligkeiten." Ein Ausdruck der Verzückung breitete sich über das unschöne, abgehärmte Antlitz, sie streckte die Arme aus, als wollte sie eine unsichtbare Vision umfassen. „Ja, ich komme . . . Jesus," murmelte sie. Dann fielen ihre Hände schwer auf die Brust herab; das Antlitz erstarrte, die Augen schlössen sich. Unwillkürlich ergriff der Rabbiner die Hand, die ihm am nächsten lag. Und er verspürte eine schwache Erwiderung des Druckes in Unkenntnis der heidnischen Berührung. Ellas weiter: ,,Du, der Du der Vater der Vaterlosen und der. Berater der Witwe bist, beschütze meine Lieben, mit deren Seelen die meinige verbunden ist." Die Lippen wiederholten fast unmerkbar noch seine Worte, der scheidende Geist war vom Gebete des Ungläubigen in Frieden gelullt. „In Deine Hände befehle ich meinen Geist. Du hast mich erlöst, 6 Herr, Gott der Wahrheit. Amen und Amen." Und in diesem letzten Amen hauchte die arme Christensklavin ihr Schmerzensieben aus. Ihre Hand hielt die des Juden, und ein letzter Schein von Seligkeit zog über das erlöschende Antlitz. Und in diesem Augenblick voll heiligen Schweigens wurden die drei Männer zu Kindern im Angesicht der Ewigkeit. Wie alles in jener geschwätzigen Stadt, unter der geschwätzigen Judengemeinde ans Tageslicht kam, so auch dieses. Zur Erleichterung des Rabbiners nahm seine Herde es besser auf, als er befürchtet hatte. Alles, was sie zu' sagen wussten, war: ,, . . . Schliesslich ist es doch ein Segen für die arme Frau gewesen." ^^^gm^^^^^^^Q^

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