Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 1 (1901)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1901)
- Article
- E. M. Lilien
- Date
- 1901-07-01
- Page
- Seite 525 - 526 (sequence 5)
- Language
- German
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525 M. Hirschfelder: E. M. Lilien. 526 gerne gemeinverständlich wirken möchte, direkt unverstanden bleibt. Dass z. B. auf dem „Plakat des Berliner Tageblattes" die beiden Frauengestalten die zwei Ausgaben der Zeitung bedeuten sollen, die rote mit der Sonnenblume den Morgen, die dunkle mit dem wilden Mohn den Abend, ist zwar auch in botanischer Hinsicht zweifellos geistreich erdacht. Die Passanten müssten aber mindestens in sämtliche Mysterien des seligen delphischen Orakels eingeweiht sein, um im Vorübergehen diesem Gedankenflug folgen zu können. Genial dagegen und verständlich wirkt diese mystische Symbolik in seinen weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt gewordenen „Ex libris- Zeichnungen". Hier verdienen vor allen anderen das von Anselm Hartog, das von Richard Fischer und des Künstlers eigenes erwähnt zu werden. Etwas von der Tragik seines Lebens liegt in letzterem. Natürlich fehlen darum auch hier die Dornen nicht, aber daneben schiessen schon einige junge, hoffnungsfreudige Blüten mutig aus dem Erdboden. Besonders charakteristisch ist an dieser Zeichnung Lilien's erstaunliche Technik. Die dekorative Wirkung seiner Schwarz-Weiss-Kunst kommt hier besonders ganz hervorragend zum Ausdruck. Auf dem Ex-libris von Richard Fischer, dem sozialdemokratischen Reichstags - abgeordneten, sehen wir eine stolze Frauengestalt, die Freiheit, mit der Krone der Arbeit geschmückt. Die Edelsteine dieser Krone sind Hammer und Zange. In ihr wallendes Gewand sind Jakobinermützen eingewoben, an seinen Rand Maiglöckchen, als Anspielung auf den 1. Mai. In der Hand hält sie die Fackel der Aufklärung. Um diese windet sich eine Schleife, deren flatternde Bänder die Namen der fünf Weltteile tragen. Auf dreien davon stehen die Namen derjenigen, in denen die Sozialdemokratie zu Hause ist. die beiden anderen sind abgewandt. Eine Schwalbenschaar, des hoffnungsgrünen Frühlings frohe Verkünder, umflattert die Figur, deren Hintergrund wieder die verschiedenen Symbole der Arbeit aufweist. Erwähnenswert sind ferner auch Lilien" s „Bucheinbände", vor allen der der „Gartenlaube" und der zu dem Werke „Fünfhundert Jahre Berliner Geschichte4'.*) In ihnen sowohl wie in erster Linie auch in seinem „Buchschmuck", z. B. den Zierleisten in dem „Verlagskatalog von Schuster und Löffler" rindet seine ruhige und vornehme Schwarz- Weiss-Technik ihren glänzendsten Ausdruck. Lilien's grösstes und weitaus bedeutendstes Werk, in dem er vor allem sein intimes Verständnis und seine wuchtige Kraft als „Illustrator" entfaltet, ist das Buch „Juda".**) Dieses glänzende Werk ist am •) Von A. Streckfuss. A. Goldschmidt's Verlag, Berlin 1900. ) s. oben. E. M. Lilien. Ex Libris des Reichstags abgeordneten R. Fischer. meisten geeignet, meine Behauptung, dass Lilien ein jüdischer Künstler ist, zu erhärten. Wie tief er darin aus der jüdischen Volksseele schöpft, wie machtvoll er in alle Saiten des Judentums und seiner frohen und wehen Erinnerungen greift, weiss nur der Jude zu verstehen und zu würdigen. Freudige wie schmerzliche Daten aus der Geschichte unseres Volkes entwickeln sich in liebevoll innerlicher Gestaltung lebendig vor unseren Augen. Alle Symbole des jüdischen Gottesdienstes und Geistes prangen in ihm und wehen uns wie ferne Heimatluft an: die segnenden Priesterhände, die Thorarollen und Thorakronen, die Tafeln der zehn Gebote, die siebenarmigen Leuchter, der Regenbogen, das leuchtende Zeichen des Bundes, der Dornenstrauch, in dem der Ewige erschien, Feigen und Rosen. In wechselreicher Reihe ziehen Bilder aus lange versunkenen Zeiten an uns vorüber, wie in einem Panorama. Mit geisterhaften Fingern spielt Lilien auf der Aeolsharfe der verklungenen Zeit und aus der Tiefe ihrer Saiten steigen unter seinen Händen verlorene Melodieen auf, die uns heisse Wehmutsthränen in die Augen treiben. Inhalt und Technik, durchtränkt von einer tiefen und reichen Innerlichkeit, von einer aufrichtigen Empfindung, die in den vielen äusserst geschmackvoll und dekorativ wirkenden Rahmen ebenso frappierend zum Ausdruck kommt, vereinigen sich in harmonischer Weise, um hier Schöpfungen jüdischen Geistes hervorzubringen, wie sie typischer, fruchtbarer und reichhaltiger nicht gedacht werden können. Man betrachte nur den „Einband", die Bilder „Jesaia", „Passah" und„Sodoms Ruinen"! Dass das künstlerische Werk auch ausserhalb der Gemeinschaft der Judenwelt voll und ganz gewürdigt wird, beweisen ungezählte glänzende Kritiken. Walter Schulhof [Dr. Ludwig Volkmann]***) schreibt darüber: „Der Orient mit seinen tausend Wundern und Geheimnissen mag der Empfmdungswelt Lilien's sehr nahe liegen. Wir fühlen es, wie sich der Künstler hier voll auslebt, und es ist uns gleichsam, als wäre er seine zweite Heimat geworden. Abenteuerliche Landschaften steigen vor uns auf mit wundersamen Architekturen, Menschen stark im Lieben und stark im Hassen, und darüber lastet schwer die glühende Sonne des Morgenlandes. All das hat Lilien kühn ausgedrückt und in festen Zügen mit einer Sicherheit wiedergegeben, die einen ganzen Künstler verrät." Man fühlt es wirklich, der Künstler ist mit seinem Stoff verwachsen. Geist und Materie sind hier untrennbar: in „Passah", in dem die ganze Tragik, das verblutende Gehetztsein des Judenvolkes liegt; in „Sodoms Ruinen" mit ihrem toten See, auf den das fahle Mondlicht blasse Nachtblüten wirft — ••') Archiv für Buchgewerbe. No. IL 1901.